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QUELLEN ZUR DEUTSCHEN GESCHICHTE
Quellen-Auswahl

Caesar und Tacitus über die Germanen

Inhalt:
1.  Kurze Einführung über Caesars Sicht der Germanen
2.  Textauszug aus Caesars „Gallischem Krieg“ (in deutscher Übersetzung)
3.  Kurze Einführung zu Tacitus' Germanen-Darstellung
4.  Textauszug aus Tacitus' „Germania“ (in deutscher Übersetzung)
 
1. Über den Germanen-Exkurs in Julius Caesars „Gallischem Krieg“

C. Julius Caesar
(100 – 44 v.Chr.)

Im „Gallischen Krieg“ berichtet Caesar über seine glorreichen Feldzüge zur Eroberung Galliens für das Imperium Romanum, die um 50 v.Chr. abgeschlossen waren. Um trotz des eindeutig propagandistischen Charakters den Eindruck von Objektivität zu erwecken, spricht er von sich selbst stets in der dritten Person („er“, „Caesar“). Im Zuge seiner kriegerischen Aktivitäten wird er wohl tatsächlich kurz den Rhein überschritten haben. Die Beschreibung des Elchs läßt an seiner tieferen Kenntnis, die er gleichwohl vorschützt, allerdings zweifeln; zumindest kann er wohl kaum selbst einen Elch gesehen haben.
Der mehr suggestive als informative literarische Streifzug durch Germanien diente hauptsächlich dazu, den Römern zu begründen, warum er dieses eigenartige Volk nicht auch noch unterwerfen konnte oder wollte: Erstens sind die Germanen noch gefährlicher, weil weniger verweichlicht und dabei grausamer als die Gallier, und zweitens wäre bei ihnen nicht viel zu holen, denn materielle Werte bedeuten ihnen nicht viel. In zweiter Linie wollte Caesar seinen römischen Landsleuten den moralischen Spiegel vorhalten, indem er die Tugenden der noch unverdorbenen Wilden übertrieben ausmalte. Die Darstellungen der religiösen Bräuche und der Ernährungsweise sind als weitgehend zutreffend zu beurteilen.

 
2. Julius Caesar:  aus dem „Gallischen Krieg“ („De bello gallico“, 6. Buch)
 

[....] Da wir einmal so weit gekommen sind, so scheint es hier die passende Stelle zu sein, von den Sitten der Gallier und Germanen zu handeln, und worin diese beiden Nationen sich voneinander unterscheiden. [....] Zwischen diesen Gebräuchen und den germanischen besteht ein großer Unterschied; denn bei den Germanen findet man weder Druiden, die den Gottesdienst versehen, noch geben sie sich viel mit Opfern ab. Sie haben nur solche Gottheiten, die man sieht und von denen man augenscheinliche Vorteile hat, (zum Beispiel) die Sonne, das Feuer und den Mond. Die übrigen Gottheiten sind ihnen nicht einmal vom Hörensagen bekannt. Ihr ganzes Leben ist zwischen Jagd und Kriegsübungen geteilt. Von Jugend auf gewöhnen sie sich an Strapazen und sind auf Abhärtung bedacht. Ein vorzügliches Lob bei ihnen ist, lange unverheiratet zu bleiben; denn nach ihrer Meinung trägt lange Enthaltsamkeit vieles zur Größe, zur Stärke und zur Festigkeit der Muskeln bei. Man hält es für die größte Schande, wenn jemand vor dem zwanzigsten Jahr Umgang mit einem Weibe hat, obschon übrigens, was die Verschiedenheit des Geschlechtes angeht, gar kein Geheimnis gemacht wird; denn Jünglinge und Mädchen baden gemeinsam in den Flüssen und tragen als Kleidung nur Felle und kleine Pelzüberwürfe, die den größten Teil des Körpers nackt lassen.

Ackerbau betreiben sie nicht viel, ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus Milch, Käse und Fleisch. Niemand besitzt ein bestimmtes Ackerland oder eigenen Grund, sondern die Obrigkeit und die Fürsten weisen jährlich den Stämmen, den Sippen und denen, die sich sonst miteinander verbunden haben, Feld zu, soviel und wo es ihnen gefällt, und zwingen sie, das Jahr darauf anderswohin zu ziehen. Sie geben hierfür verschiedene Gründe an, nämlich: damit man nicht aus Liebe zum gewohnten Aufenthalt statt der Kriegsübungen nur noch Feldbau betreibe; damit man nicht nach dem Erwerb großer Ländereien trachte und nicht die Mächtigeren die Ärmeren aus ihrem Besitz vertrieben; damit man nicht zu sorgfältig baue, um Kälte und Hitze zu meiden; damit keine Begierde nach Reichtümern entstehe, woraus Parteiungen und Zwistigkeiten hervorgehen; damit man den gemeinen Mann bei guter Laune erhalte, wenn ein jeder sähe, er habe ebensoviel Güter wie die Mächtigsten.

Den Staaten wird es zum höchsten Ruhm angerechnet, wenn alles weit und breit um sie herum verwüstet ist. Sie sehen es als ein Merkmal der Tapferkeit an, wenn man die Nachbarn vertreibt, so daß sie das angrenzende Gebiet räumen und niemand sich getraut, in der Nähe zu wohnen. Zugleich glauben sie, man sei dadurch besser gesichert, weil man keinen unvermuteten Überfall zu befürchten habe. Wenn ein Staat Krieg anfängt oder sich zur Gegenwehr rüstet, werden Obrigkeiten gewählt, die das Kommando führen und Gewalt über Leben und Tod haben. In Friedenszeiten gibt es keine gemeinsame Regierung, sondern die Vornehmsten in den Provinzen und Gauen versehen bei ihren Leuten die Rechtssprechung und schlichten die Streitigkeiten. Raubzüge außerhalb der eigenen Grenzen haben bei ihnen gar nichts Anstößiges; sie erklären, dies sei ein Mittel, die jungen Leute zu üben und vor dem Faulenzen zu bewahren. Sagt ein vornehmer Germane in der Volksversammlung, er habe einen solchen Raubzug vor, wer teilnehmen wolle, möge sich melden, so stehen alle auf, denen das Unternehmen und der Anführer gefällt, und versichern ihn ihres Beistandes; worauf sie von seiten des versammelten Volkes Beifall erhalten. Wenn dann einer (gegen sein gegebenes Wort) den Zug nicht mitmacht, so betrachtet man ihn als einen Ausreißer und Verräter; in keinem Stücke findet er in der Folge mehr Glauben. Fremde darf man bei ihnen nicht mißhandeln; aus welchem Anlaß auch immer man zu ihnen kommt, man ist vor allem Unrecht geschützt und gilt als unverletzlich. Ein jedes Haus steht einem offen und ein freier Tisch zu Diensten.

[....] Es gibt noch ein anderes Tier, das man Elch nennt. Seiner Gestalt nach ist es wenig von einem Reh verschieden, ebenso buntscheckig, nur etwas größer und mit abgestumpften Hörnern; seine Beine sind ohne Knöchel und Gelenke. Dieses Tier legt sich deshalb beim Schlafen nicht nieder und kann, wenn es durch einen Zufall umgeworfen wird, sich auch nicht wieder aufhelfen und auf die Beine kommen. Die Bäume dienen ihm als Ruheplätze; an diese stützt es sich, und so, nur ein wenig angelehnt, schläft es. Merken nun die Jäger aus der Spur, wo ein solches Tier gewöhnlich ruht, so untergraben sie an dieser Steile entweder alle Bäume an den Wurzeln oder hauen den untersten Stamm so weit aus, daß es ganz so aussieht, als ständen sie noch fest. Wenn nun das Tier seiner Gewohnheit nach sich anlehnt, so wirft es durch seine Schwere den angehauenen oder untergrabenen Baum um und stürzt selbst mit ihm zu Boden.

 
3. Über Tacitus' Darstellung der Germanen in der „Germania“

Cornelius Tacitus
(um 55 – 120 n.Chr.)

Besser informiert als Caesar und sachlich abwägender im Stil zeigte sich rund 150 Jahre später Tacitus. Er war selbst nie in Germanien gewesen, konnte aber wohl auf Aussagen von relativ glaubwürdigen Augenzeugen zurückgreifen. Durch den Schrecken der verheerenden Varus-Schlacht (im Jahre 9 n.Chr.) waren die Germanen breiteren Schichten in Rom ins Bewußtsein gerückt worden, so daß es auch keinen Zweck gehabt hätte, Wissenslücken durch Phantasie auszufüllen. Insofern werden Tacitus' Angaben über die Lebensweise der Germanen von der Geschichtswissenschaft als insgesamt ziemlich zuverlässig angesehen, obwohl die Behauptung der „Reinrassigkeit“ wenig wahrscheinlich ist. Seine Theorie zur Entstehung des Volksnamens „Germanen“ ist bis heute weder widerlegt noch bewiesen.
Dennoch verfolgte auch Tacitus das klare Ziel, die dekadenten römischen Mitbürger moralisch zu belehren. Wie Caesar führt er die Germanen mit ihrem vorbildlichen Eheverhalten als „edle Wilde“ vor und stellt sie in rühmlichen Gegensatz zu der sittlichen Verwahrlosung der Römer. Das Lob an die behauptete Keuschheit und Treue der Germaninnen sagt, verbunden mit der kulturpessimistischen Tirade über die Ausschweifungen der Römerinnen, mehr über den Zustand der römischen Gesellschaft als über die tatsächlichen sittlichen Gewohnheiten in Germanien aus. „Heimliche Briefe“ konnte es dort schon deshalb nicht geben, weil die Germanen noch keine Schriftkultur besaßen. Die scheinbare Bewunderung für germanische Tugenden hindert Tacitus übrigens nicht, künftigen Eroberern noch einen guten Rat mit auf den Weg zu geben: Frauen als Geiseln zu nehmen!

 
4. Cornelius Tacitus:  aus der „Germania“ („De origine et situ Germanorum liber“, um 98 n.Chr.)

[....] Die Bezeichnung Germanien sei übrigens neu und erst vor einiger Zeit aufgekommen. Denn die ersten, die den Rhein überschritten und die Gallier vertrieben hätten, die jetzigen Tungrer, seien damals Germanen genannt worden. So habe der Name eines Stammes, nicht eines ganzen Volkes, allmählich weite Geltung erlangt: Zuerst wurden alle nach dem Sieger, aus Furcht vor ihm, als Germanen bezeichnet, bald nannten auch sie selbst sich so, nachdem der Name einmal aufgekommen war. Ich selbst schließe mich der Ansicht an, daß sich die Bevölkerung Germaniens niemals durch Heiraten mit Fremdstämmen vermischt hat und so ein reiner, nur sich selbst gleicher Menschenschlag von eigener Art geblieben ist. Daher ist auch die äußere Erscheinung trotz der großen Zahl von Menschen bei allen dieselbe: wild blickende blaue Augen, rötliches Haar und große Gestalten, die allerdings nur zum Angriff taugen. Für Strapazen und Mühen bringen sie nicht dieselbe Ausdauer auf, und am wenigsten ertragen sie Durst und Hitze; wohl aber sind sie durch Klima oder Bodenbeschaffenheit gegen Kälte und Hunger abgehärtet.

[....] Könige wählen sie nach Maßgabe des Adels, Heerführer nach der Tapferkeit. Selbst die Könige haben keine unbeschränkte oder freie Herrschergewalt, und die Heerführer erreichen mehr durch ihr Beispiel als durch Befehle: sie werden bewundert, wenn sie stets zur Stelle sind, wenn sie sich auszeichnen, wenn sie in vorderster Linie kämpfen. Übrigens ist es nur den Priestern erlaubt, jemanden hinzurichten, zu fesseln oder auch nur zu schlagen, und sie handeln nicht, um zu strafen oder auf Befehl des Heerführers, sondern gewissermaßen auf Geheiß der Gottheit, die, wie man glaubt, den Kämpfenden zur Seite steht.

[....] Schon manche wankende und sich auflösende Schlachtreihe wurde, wie es heißt, von den Frauen wieder zum Stehen gebracht: durch beharrliches Flehen, durch Entgegenhalten der entblößten Brust und den Hinweis auf die nahe Gefangenschaft, die den Germanen um ihrer Frauen willen weit unerträglicher und schrecklicher dünkt. Aus diesem Grunde kann man einen Stamm noch wirksamer binden, wenn man unter den Geiseln auch vornehme Mädchen von ihm fordert. Die Germanen glauben sogar, den Frauen wohne etwas Heiliges und Seherisches inne; deshalb achten sie auf ihren Rat und hören auf ihren Bescheid.

[....] Über geringere Angelegenheiten entscheiden die Stammeshäupter, über wichtigere die Gesamtheit; doch werden auch die Dinge, für die das Volk zuständig ist, zuvor von den Stammeshäuptern beraten. Man versammelt sich, wenn nicht ein zufälliges und plötzliches Ereignis eintritt, an bestimmten Tagen, bei Neumond oder Vollmond; dies sei, glauben sie, für Unternehmungen der gedeihlichste Anfang. Sie rechnen nicht nach Tagen, wie wir, sondern nach Nächten. So setzen sie Fristen fest, so bestimmen sie die Zeit: die Nacht geht nach ihrer Auffassung dem Tage voran.

Ihre Ungebundenheit hat eine üble Folge: sie finden sich nie gleichzeitig und nicht wie auf Befehl zur Versammlung ein; vielmehr gehen über dem Säumen der Eintreffenden zwei oder drei Tage verloren. Sobald es der Menge beliebt, nimmt man Platz, und zwar in Waffen. Ruhe gebieten die Priester; sie haben jetzt auch das Recht zu strafen. Dann hört man den König an oder die Stammeshäupter, jeweils nach dem Alter, nach dem Adel, nach dem Kriegsruhm, nach der Redegabe; hierbei kommt es mehr auf Überzeugungskraft an als auf Befehlsgewalt. Mißfällt ein Vorschlag, so weist man ihn durch Murren ab; findet er jedoch Beifall, so schlägt man die Framen aneinander. Das Lob mit den Waffen ist die ehrenvollste Art der Zustimmung.

[....] Gleichwohl halten die Germanen auf strenge Ehezucht, und in keinem Punkte verdienen ihre Sitten größeres Lob. Denn sie sind fast die einzigen unter den Barbaren, die sich mit einer Gattin begnügen; sehr wenige machen hiervon eine Ausnahme, nicht aus Sinnlichkeit, sondern weil sie wegen ihres Adels mehrfach um Eheverbindungen angegangen werden. [....] So leben die Frauen in wohlbehüteter Sittsamkeit, nicht durch lüsterne Schauspiele, nicht durch aufreizende Gelage verführt. Heimliche Briefe sind den Männern ebenso unbekannt wie den Frauen. Überaus selten ist trotz der so zahlreichen Bevölkerung ein Ehebruch. Die Strafe folgt auf der Stelle und ist dem Manne überlassen: er schneidet der Ehebrecherin das Haar ab, jagt sie nackt vor den Augen der Verwandten aus dem Hause und treibt sie mit Rutenstreichen durch das ganze Dorf. Denn für Preisgabe der Keuschheit gibt es keine Nachsicht: nicht Schönheit, nicht Jugend, nicht Reichtum verschaffen einer solchen Frau wieder einen Mann. Dort lacht nämlich niemand über Ausschweifungen, und verführen und sich verführen lassen nennt man nicht modern.


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