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Die „Straßburger Eide“ des Jahres 842

Im Februar 842 trafen sich die zwei jüngeren Söhne des verstorbenen Frankenkönigs Ludwigs des Frommen auf einem Feld bei Straßburg. Ludwig der Deutsche und Karl der Kahle schworen, sich gegenseitig im Kampf gegen den älteren Bruder Lothar beizustehen. Die Könige West- und Ostfrankens standen dabei an der Spitze ihrer Heere. Durch diese Zusammenkunft war die Entstehung Frankreichs und Deutschlands vorgezeichnet.
Inhalt:
1. Einführung in die historische Situation des Jahres 842
2. Karte zur Erbfolgeregelung Ludwigs des Frommen von 829
3. Karte zur fränkischen Teilung von 843 (Vertrag von Verdun)
4. Stammtafel der Nachkommen Karls I. des Großen
5. Straßburger Eidesformeln auf Deutsch und Französisch (mit lateinischem Kommentar)
1. Die Lage des Frankenreichs im Jahre 842
Fränkische Teilungsregelung von 829
2. Die Erbfolgeregelung Ludwigs des Frommen von 829

Fränkische Teilungsregelung von 829
3. Der Teilungsvertrag von Verdun aus dem Jahre 843
Ludwig der Fromme, Sohn Karls des Großen, hatte bereits 817 für seine drei Söhne Lothar, Pippin und Ludwig (der Dt.) die Erbfolge geregelt: Lothar als der älteste sollte den Hauptteil bekommen (siehe Karte rechts) und diesen bereits zu Ludwigs Lebzeiten mit ihm gemeinsam regieren; Pippin wurde die südfranzösische Provinz Aquitanien zugeteilt und zur Regentschaft übergeben; Ludwig, der spätere „Deutsche“, erhielt Bayern. Als Ludwig der Fromme 829 selber gegen seine eigene Erbschaftsregelung verstieß, indem er ein viertes Teilreich für seinen nachgeborenen Sohn aus zweiter Ehe, Karl den Kahlen (* 823), schuf, erhoben sich die drei älteren Söhne erstmals gegen den Vater und versuchten, ihn als Kaiser und König abzusetzen. In der Folge war die gesamte restliche Regierungszeit Ludwigs, der sich mehr und mehr nur noch der Religion widmete, von den Machtkämpfen der Söhne bestimmt, die in wechselnden Konstellationen, Feindschaften und Absichten gegeneinander und gegen den Vater kämpften. Nach LudwigsTod stieg auch der eben volljährig gewordene Karl in die Kämpfe ein – Pippin war bereits 838 gestorben – und verbündete sich mit Ludwig dem Deutschen gegen den ältesten Bruder Lothar. Gemeinsam schugen sie Lothar 841 in der Schlacht von Fontenoy, und in dieser historischen Situation trafen sich Ludwig der Deutsche und Karl der Kahle am 14. Februar 842 in Straßburg, um ihr Bündnis gegen Lothar zu bekräftigen. Damit sie von den umstehenden Soldaten verstanden wurden, schwor jeder den Treue-Eid in der Volkssprache des Bündnispartners: Ludwig auf romanisch (erstes französisches Sprachdenkmal!), Karl auf deutsch (rheinfränkischer Dialekt). Danach schworen auch die Heere, jeweils in der Landessprache, die Eide der Könige zu halten oder dem eigenen Herrn die Gefolgschaft zu versagen, falls dieser den Schwur brechen sollte. Überliefert sind uns die volkssprachlichen Eidesformeln durch Nithart (gest. 844), einen illegitimen Enkel Karls des Großen, von dem auch die lateinischen Zwischentexte stammen. – Im Jahr 843 einigten sich die drei Brüder, Lothar I., Ludwig der Deutsche und Karl der Kahle, im Vertrag von Verdun auf die Reichsteilung, wie sie die untere Karte abbildet.
Nach dem Aussterben der Linie Lothars (siehe Stammtafel unten) wurde das Mittelreich „Lotharingien“ zwischen den Nachfolgern Karls des Kahlen und Ludwigs aufgeteilt – es entstand das jahrhundertelang zwischen Frankreich und Deutschland umkämpfte sprachliche Mischgebiet westlich des Rheins, auf dem sich im späten Mittelalter erneut ein eigenes Staatsgebilde etablieren sollte: das Herzogtum Burgund.
    4. Stammtafel der karolingischen Nachfolger Karls des Großen    
                                                 
      Karl I. der Große
(747 - 814)
König 768 - 814

im Frankenreich
   
                                               
                    Ludwig I. d. Fromme
(778 - 840)
König 814 - 840
im Frankenreich
                   
         
   
           
Lothar I.
(795 - 855)
Kg. 840/43 - 855
im Mittelreich
  Pippin
(? -838), Regent
von Aquitanien
817 - 838
Ludwig der
Deutsche
(806 - 876)
Kg. 840/43 - 876
in Ostfranken
  Karl II. der Kahle
(823 - 877)
Kg. 840/43 - 877
in Westfranken
         
       
Ludwig II.
(um 825 - 875)
Kg. 855 - 875
in Italien
Karlmann
(um 830 - 880)
Kg. 877 - 879
in Italien
Ludwig III.
(um 835 - 882)
Teilkg. 876 - 882
in Ostfranken
Karl III. der Dicke
(839 - 888)
Kg. 876/79 - 887
in Ostfr. und Italien
 
       
    Arnulf v. Kärnten
(um 850 - 899)
Kg. 887 - 899
in Ostfranken
   
       
    Ludwig IV. d. Kind
(893 - 911)
Kg. 900 - 911
in Ostfranken
  westfränkische
(französische)
Karolinger-Könige
bis 987
         
5. Die Straßburger Eide in althochdeutscher und altfranzösischer Sprache
Bericht (lateinisch):

Ergo XVI kalend. marcii Lodhuuicus et Karolus in civitate, quae olim Argentaria vocabatur, nunc autem Strazburg volgo dicitur, convenerunt, et sacramenta, quae subter notata sunt, Lodhuuicus romana, Karolus vero teudisca lingua iuraverunt. Ac sic ante sacramentum circumfusam plebem alter teudisca, alter romana lingua alloquuti sunt. Lodhuuicus autem, quia maior natu, prior exorsus sic coepit: 'Quotiens Lodharius me et hunc fratrem meum' etc. Cumque Karolus haec eadem verba romana lingua perorasset, Lodhuuicus, quoniam maior natu erat, prior haec deinde se servaturum testatus est:

Übersetzung:
Also waren am 14. Februar [des Jahres 842] Ludwig und Karl in der Stadt, die man früher Argentorate nannte, die jetzt aber Straßburg genannt wird, zusammengetroffen, und es wurden die Eide, welche unten niedergeschrieben sind, von Ludwig auf romanisch und von Karl in der wahren deutschen Sprache [=Volkssprache] geschworen. Und auch das um sie herum versammelte Volk sprach den Eid, die einen in deutscher, die anderen in romanischer Sprache. Ludwig als der zuerst Geborene machte nun aber den Anfang und begann folgendermaßen: "Sooft Lothar mich und meinen hier anwesenden Bruder..." usw. Karl sprach jedesmal dieselben in romanischer Sprache gesprochenen Worte [auf deutsch] nach, nachdem Ludwig, weil er der Ältere war, zuerst so gesprochen hatte, wie hier festgehalten und bezeugt wird:
Ludwig (altfranzösisch):

Pro deo amur et pro christian poblo et nostro commun salvament, d'ist di in avant, in quant deus savir et podir me dunat, si salvarai eo cist meon fradre Karlo et in aiudha et in cadhuna cosa, si cum om per dreit son fradra salvar dist, in o quid il mi altresi fazet, et ab Ludher nul plaid numquam prindrai, qui meon vol cist meon fradre Karle in damno sit.
Bericht (lateinisch):

Quod cum Lodhuuicus explesset, Karolus teudisca lingua sic haec eadem verba testatus est:

Übersetzung:
Nachdem Ludwig geendigt hatte, sind dieselben Worte von Karl in deutscher Sprache überliefert:
Karl (althochdeutsch):

In godes minna ind in thes christanes folches ind unser bedhero gehaltnissi, fon thesemo dage frammordes, so fram so mir got geuuizci indi mahd furgibit, so haldih thesan minan bruodher, soso man mit rehtu sinan bruodher scal, in thiu thaz er mig so sama duo, indi mit Ludheren in nohheiniu thing ne gegango, the minan uuillon imo ce scadhen uuerdhen.


Übersetzung:
In Gottes Liebe und in des christlichen Volkes und unser beider Erlösung, von diesem Tage an fernerhin , sofern mir Gott Weisheit und Macht [dazu] gibt, so halte ich diesen meinen Bruder, so wie man mit Recht seinen Bruder soll, in dem daß [=damit] er mir dasselbe tue, und mit Lothar in keinen [einzigen] Dingen nicht [zusammen-]gehe, die meinen Willen ihm zu Schaden werden [lassen würden].
Bericht (lateinisch):

Sacramentum autem, quod utrorumque populus quique propria lingua testatus est, romana lingua sic se habet:

Übersetzung:
Und der Eid, den das Volk auf beiden Seiten jeweils in der Sprache der Gegenseite leistete, lautet in der romanischen Sprache wie folgt:
westfränkisches Heer (altfranzösisch):

Si Lodhuuigs sagrament, que son fradre Karlo iurat, conservat et Karlus meos sendra de suo part non los tanit, si io returnar non l'int pois: ne io ne neuls, cui eo returnar int pois, in nulla aiudhia contra Lodhuuuig nun li iu er.
Bericht (lateinisch):

Teudisca autem Iingua:

Übersetzung:
Nun aber in deutscher Sprache:
ostfränkisches Heer (althochdeutsch):

Oba Karl then eid, then er sinemo bruodher Ludhuuuige gesuor, geleistit, indi Ludhuuuig min herro then er imo gesuor forbrihchit, ob ih inan es iruuenden ne mag: noh ih noh thero nohhein, then ih es iruuenden mag, uuidhar Karle imo ce follusti ne uuirdhit.


Übersetzung:
Ob [=wenn] Karl den Eid, den er seinem Bruder Ludwig schwor, leistet [=hält], und Ludwig mein Herr [jenen,] den er ihm schwor [,] bricht, wenn ich ihn es abwenden nicht vermag (sinngemäß: "...wenn ich ihn nicht davon abhalten kann"): weder ich noch der [meinen] keiner, den ich es [=davon] abwenden vermag, wider Karl ihm zur Erfüllung [=Hilfe] nicht wird.
Bericht (lateinisch):

Quibus peractis Lodhuuuicus Renotenus per Spiram et Karolus iuxta Vuasagum per Vuizzunburg Vuarmatiam iter direxit.

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