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AUFSATZ

Epoche: allgemeine Geschichte
Entstehung und geopolitische Entwicklung Deutschlands
von Stefan Jacob (zuerst veröffentlicht 1997)
I. Vorzeit
II. Frühzeit (800/843 - 870)
III. Mittelalter (870 - 1500)
IV. Neuzeit (1500 - heute)

I.

Vorzeit

Die heutigen Deutschen sind, wie die meisten anderen Völker Europas, Nachkommen jener indogermanischen Einwanderer, die seit etwa 2000 v.Chr. von Asien her Europa besiedelten. Nicht die Geschichte, sondern die Sprachwissenschaft kann eine gemeinsame Herkunft fast aller europäischer Sprachen (mit Ausnahme des Finnischen, des Ungarischen und des Baskischen) nachweisen. Dementsprechend liegt der geographische Ursprung weitgehend im Dunkeln. Allerdings verweist schon der Ausdruck „indo-europäisch“ darauf, daß die Sprachen der Einwanderer-Nachfahren mit indischen Dialekten (und mit dem Persischen) verwandt sind, was wohl nur den Schluß zuläßt, das angenommene indogermanische Gesamtvolk müsse sich vor dem teilweisen Auszug nach Europa auch in Zentralasien aufgehalten haben.

Obwohl diese Indogermanen (oder „Indoeuropäer“) sicherlich nicht als eine kompakte, riesige Volksmasse urplötzlich und mit einem Male in Europa auftauchten, sondern in kleineren Abteilungen über Jahrhunderte nach und nach einsickerten, lassen sie sich wegen des Fehlens von Zeugnissen über die Wanderung und ihre Beweggründe erst nach dem Eindringen und dem Seßhaftwerden in Europa in verschiedene Gruppen einteilen: Sprachliche Befunde sprechen als Indizien dafür, daß die Hellenen und Illyrer als erste ankamen und sich in Griechenland und auf dem Balkan niederließen. Der zweite indogermanische Schub könnte am ersten vorübergezogen sein und Italien besiedelt haben, entsprechend werden die Vorläufer der Römer (—> romanische Sprachen) als Italiker bezeichnet. Der weitaus größte Teil Europas, nämlich ganz West- und Mitteleuropa, wurde zunächst von denen eingenommen, die man in der späteren Geschichte als die Kelten kennt. Allerdings wurde zu Julius Cäsars Zeiten praktisch der gesamte keltische Siedlungsraum von den Römern erobert, und durch romanische, in Großbritannien auch durch germanische Sprach-Überfremdung ist die keltische Sprache bis auf kleine Reste in der Bretagne und auf den britischen Inseln verschwunden. Vielleicht als letzte — und vermutlich in enger zeitlicher Nachbarschaft mit den Slawen — erreichten die Germanen den europäischen Kontinent und ließen sich zunächst im Süden Skandinaviens nieder, während die Slawen zurückblieben und Osteuropa für sich einnahmen.

Etwa um 1000 v.Chr. war die indogermanische Einwanderung abgeschlossen. Damit war allerdings die innereuropäische Landnahme noch lange nicht bis zu dem Stadium der Siedlungsverteilung gediehen, das die Römer kurz vor Christi Geburt bei ihrer Erkundung und Eroberung Europas vorfanden. Während die Kelten allmählich bis in die hintersten Winkel Spaniens und Irlands vordrangen, die Griechen bereits eine hohe Kultur hervorbrachten und diese bis nach Süditalien und Frankreich ausdehnten, nahmen die Germanen bis etwa 200 v.Chr. von Dänemark aus den Norden Kontinentaleuropas [heutiges Deutschland etwa bis zum Main, Niederlande, Polen] und Skandinavien in Besitz.

Dabei müssen die Siedlungsverhältnisse auch innerhalb Germaniens sehr wechselvoll und ziemlich kurzlebig gewesen sein. Für die Zeit des römischen Kaisers Marcus Aurelius (161 - 180 n.Chr.) ergibt sich aus römischen Quellen und sprachgeschichtlichen Studien eine Dreiteilung der Germanen in Westgermanen (die Bewohner der Niederlande und Deutschlands etwa von Kiel bis an die Donau, darunter auch die Angeln und Sachsen, die späteren Erben der römischen Herrschaft in Britannien), in Nordgermanen (Dänemark, Schweden, Norwegen) und Ostgermanen. Die „typisch ostgermanischen“ Vandalen und Goten hielten sich zu dieser Zeit in Ostsee-Nähe auf dem Gebiet des heutigen Polen auf ; zumindest von den Goten, die dort ihre Namensspuren (Göteborg, Gotland) hinterlassen haben, ist aber gesichert, daß sie zuvor in Skandinavien gewesen sein müssen. Indem große Kontingente der Goten und der ebenfalls ostgermanischen Burgunder seit dem 3. Jahrhundert ihre Siedlungsgebiete verließen und Richtung Süden und Westen zogen, wurden sicherlich größere Teile Nordosteuropas frei, so daß dorthin die Slawen nachrücken konnten.

Die abenteuerlichen germanischen Staatsgründungen am Schwarzen Meer, in Italien, Südfrankreich, Spanien und Nordafrika gehören in das große Kapitel der durch die Hunnen-Einfälle ausgelösten europäischen Völkerwanderung (4. bis 6. Jahrhundert) und haben kaum etwas mit der geopolitischen Entwicklung des späteren Deutschland zu tun. In diesem Zusammenhang wichtiger ist die fast gleichzeitige Ausbreitung der Germania nach Westen und Süden, die von den westgermanischen Franken, Alamannen und Langobarden getragen wurde. Die am Nordrhein beheimateten Franken übernahmen, nachdem sie die kurzlebigen französischen Wander-Reiche der Westgoten (507) und Burgunder (534) geschluckt hatten, praktisch die gesamte ehemals römische Herrschaft über Gallien. Schließlich wurde auch das immerhin über 200 Jahre lang erfolgreiche langobardische Königreich Italien von Karl (I.) dem Großen 774 dem fränkischen Universalstaat einverleibt.

Nachdem zuletzt die norddeutschen Sachsen von Karl unterworfen und christianisiert worden waren, war es ihm fast vollständig gelungen, das katholisch-christliche Europa unter einer einzigen Krone zu vereinigen (1). Allerdings war Karls Staatsgebilde keineswegs so etwas wie ein verfrühter deutscher Nationalstaat, sondern gewissermaßen eine geographische Neuschöpfung des alten, vorchristlichen Römischen Imperiums. Seine Kaiserkrönung (im Jahre 800) unterstreicht noch diesen eher rückwärtsgewandten als zukunftsweisenden Aspekt.

 

II.

Frühzeit (800/843 - 870)

Von Deutschland ist eigentlich erst zu reden, seitdem das fränkische Großreich Karls des Großen in mehrere Teile zerfallen war, also seit der Mitte des 9. Jahrhunderts. Auf dem Gebiet des heutigen Frankreichs entstand das Westfrankenreich, in der Mitte (heutiges Belgien, Niederlande, Luxemburg, Lothringen, Elsaß, Italien) das nach seinem König so genannte Lotharingien und im Osten das Reich Ludwigs des Deutschen — der Beiname „der Deutsche“ ist allerdings eine Rückprojektion späterer Historiker. Dieses Ostfrankenreich wurde, obwohl zunächst noch ein loser Verband germanischer Stammesherzogtümer unter fränkischer Oberherrschaft, zur geographischen Keimzelle dessen, was dann bald darauf „deutsch“ genannt wurde (2). Ludwigs des Deutschen Land reichte im Osten bis an die Elbe und die Saale (Magdeburg, Halle), im Norden bis auf die Höhe von Kiel, im Süden bis nach Ljubljana (Slowenien) und Trient (Oberitalien). Es fehlte also gegenüber späteren Stadien im Norden und Osten noch einiges, während im Süden die Schweiz, Österreich und Norditalien eingeschlossen waren. Nur im Westen entsprachen die damaligen Grenzen fast den heutigen, indem nämlich der Rhein die „Deutschen“ von den späteren Franzosen und Niederländern trennte.

Wenn wir über die erste fränkische Reichsaufteilung (843) hinaus weiter zurückblicken, dürften wir, um ganz bei der Wahrheit zu bleiben, noch nicht von Deutschland sprechen. Die Menschen, die seit dem ersten bemerkenswerten Auftauchen der Germanen in der römischen Literatur und Geschichte (2. Jahrhundert v.Chr., durch die Feldzüge der Kimbern und Teutonen gegen das römische Reich) im heutigen Deutschland lebten, konnten nach ihrem Selbstverständnis noch keine Deutschen sein. Erstens hielten sich manche Völkerschaften dafür nicht lange genug bei uns auf, sondern zogen nur von Skandinavien Richtung Süden durch. Zweitens bestand vor dem Frankenreich keinerlei staatliche Organisation, durch die sich die ansässigen Stämme als ein Volk hätten begreifen können. Als es dann durch die Eroberungen der Franken eine übergreifende staatliche Ordnung gab, die zeitweise von Spanien und Süditalien bis an die Elbe reichte, war diese von so übernationalem Charakter, daß die in Deutschland lebenden Germanen dieses Staatsgebilde unmöglich als ihr gemeinsames „Vaterland“ betrachten konnten. Begehen wir also die historische Ungenauigkeit, schon zu Zeiten von Hermann dem Cherusker (um Christi Geburt) oder Karl dem Großen (um 800) von Deutschland zu reden, dann nur mit der einen einzigen, wenn auch schwerwiegenden Berechtigung, daß schon in diesen fernen Zeiten Stämme in dem betreffenden Gebiet wohnten — wie die Sachsen, Thüringer, Bayern, Alemannen und ein Teil der Franken — , die seßhaft blieben und sich so später einmal zu einem Volk mit einer gemeinsamen deutschen Hochsprache (unter Beibehaltung heute noch erkennbarer Dialekte!) verbinden sollten. Die Goten, Wandalen, Burgunder, Langobarden und Teile der Sueven (Schwaben), Franken und Sachsen aber verließen Deutschland, bevor sie Gelegenheit gehabt hatten, Deutsche zu werden. Als Germanen gingen sie in Italien, Frankreich, Spanien und Afrika unter, oder sie wurden durch ihre Auswanderung zu anderen Völkern, wie die Angeln und Sachsen, deren Nachfahren wir heute als die Engländer kennen.

 

III.

Mittelalter (870 - 1500)

Bald nachdem sich der ostfränkische Teilstaat ungefähr auf dem heutigen deutschen Boden etabliert hatte, gab es für die deutsche Linie der Karolinger etwas zu erben, das aus dem östlichen Rumpfgebilde erst die deutsche Nation werden ließ, indem sich nunmehr die Reichsgrenze in etwa mit der Sprachgrenze (gegenüber dem romanischen Westteil) deckte: Die Herrscherfamilie des wichtigsten und größten fränkischen Teilreichs, der Mitte nämlich, war ausgestorben, und so wurde nun Lotharingien (—>heutige frz. Provinz Lothringen) zwischen den östlichen und westlichen Verwandten des Kaisers Lothar aufgeteilt. Deutschland fielen dabei die Niederlande, das heutige Elsaß-Lothringen und ein Teil Burgunds zu; Frankreich erhielt Belgien und einen Teil der italienischen Besitzungen Lothars. Damit waren praktisch alle deutschsprechenden Stämme Mitteleuropas im neuen Deutschen Reich vereinigt. Zuvor hatte die Sprachgrenze zwischen Romanen und Germanen das ohnehin schmale Mittelreich in Längsrichtung zerrissen — dieses Problem löste sich durch das Aussterben der Linie Lothars glücklich wie von selbst.

Einen weiteren Schritt zur nationalen Verselbständigung Deutschlands gegenüber der fränkischen Reichsidee Karls des Großen bedeutete es, daß sich die deutschen Fürsten nach dem Absterben des ostfränkischen Zweiges der Karolinger-Familie im Jahre 918 dafür entschieden, sich nicht ersatzweise einem westfränkischen Nachfahren Karls des Großen als König zu unterstellen. Diese Möglichkeit, die sich wegen des anerkannten traditionellen „Königsheils“ der Karolinger anbot, hätte eine Wiedervereinigung des allerdings bi-kulturellen fränkischen Gesamtreiches bedeutet. Immerhin wurde die Trennung des Karlsreiches noch als so wenig endgültig empfunden, daß alle west- und ostfränkischen Teil-Könige sowohl in der französischen als auch in der deutschen Zählung der Könige mitgerechnet wurden (und bis heute mitgerechnet werden) (3). Statt sich aber einem der westfränkischen Karolinger zu unterwerfen, die natürlich wie alle Franken dem germanischen Volk angehörten, sich aber schon kulturell an ihre romanischen Untertanen anzupassen begannen (4), wählten die Fürsten einen Großen aus ihrer Mitte zum deutschen König, nämlich Herzog Heinrich (I.) von Sachsen.

Eine „Dreingabe“, die mit der Erbschaft Lotharingiens verbunden war, war die römische Kaiserkrone. Sie war mit dem Untergang des weströmischen Reiches (Ostrom mit der Hauptstadt Konstantinopel/Byzanz sollte noch bis 1453 fortbestehen) vor Jahrhunderten versunken, wegen des universellen Charakters der fränkischen Monarchie Karls des Großen aber wiederbelebt worden, und nun ging sie von den Erben Lothars auf die deutschen Könige über. Seit dem Jahr 800 vom Papst in Rom verliehen, machte die Kaiserkrone aus Deutschland für rund 900 Jahre das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“, das formal bis 1806 bestehen sollte, bis es dann von Napoleon Bonaparte den offiziellen Totenschein ausgestellt bekam, nach einem über 150jährigen siechen Schattendasein. Insgesamt über 1000 Jahre also war der fränkische bzw. deutsche König gleichzeitig dem Namen nach der Kaiser Europas. Als solcher sollte er der oberste weltliche Herrscher aller katholischen Christen sein, als deren geistliches Haupt der Papst sich verstand. Beide zusammen repräsentierten ideell die Nachfolge der antiken römischen Kaiser, die über fast ganz Europa (mit Ausnahme des germanischen Raumes!) geherrscht hatten.

Tatsächlich reichte die Macht der deutschen Könige und Kaiser während der (zweiten) Hälfte dieser 1000 Jahre kaum soweit, Deutschland zusammenzuhalten, geschweige denn, Europa zu beherrschen. Bis ans Ende des Mittelalters gelang es ihnen einigermaßen, aufsässige Fürsten am Ausscheren aus dem Reichsverband zu hindern, die Westgrenzen gegen Frankreich zu verteidigen und Deutschland im Osten sogar erheblich auszudehnen. Um 1500 aber hatte sich die Idee des Kaisertums faktisch überlebt, und die Kräfte der deutschen Könige reichten nicht mehr aus, ein Reich in der Wirklichkeit zu erhalten, das den Anspruch vertrat, das römisch-fränkische Imperium fortzusetzen. Die Machtpolitik der Könige von Frankreich unterwarf sich keinesfalls mehr dem Willen des Kaisers, Italien war weitgehend vom Reich abgefallen, und im Innern Deutschlands zerfiel die Einheit in immer selbständiger — oftmals gegen den Kaiser — handelnde Fürstentümer. Der Aufbruch in die Neue Welt, der Buchdruck und die Reformation, läuteten den Anfang vom Ende des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation ein. Für die individuelleren Lebensverhältnisse der neuen Zeit taugte der mittelalterliche deutsche Staat als Organisationsgerüst nicht mehr.

 

IV.

Neuzeit (1500 - heute)

Nach 1500 sind in der territorialen Entwicklung Deutschlands zwei gegenläufige Tendenzen zu beobachten: Einerseits breiten sich deutscher Einfluß und dt. Sprache weiter nach Osten aus, gleichzeitig wird das Reich als solches kleiner. Die Schweizer haben ihren Weg in die Selbständigkeit angetreten und die französischen Könige begonnen, ermutigt durch innenpolitischen Machtzuwachs, sich mehr und mehr in Deutschland einzumischen und an den Grenzen zu nagen. Die von Martin Luther angestoßene Reformation spaltete die deutschen Fürsten in eine protestantische und eine katholische Partei, wodurch das Land in eine Serie von Bürgerkriegen gestürzt wurde. Die innere Zersetzung bewirkte, daß die landesfürstlichen Kompetenzen sich erweiterten, während das einigende Band der gemeinsamen Reichszugehörigkeit immer schwächer wurde. Die österreichische Herzogsdynastie der Habsburger, welche seit 1438 fast ununterbrochen die deutsche Krone innehatte, gewann durch Erbschaft und Heiratsverträge Böhmen, Ungarn, Schlesien, Burgund und Spanien, aber diese Gewinne vergrößerten nicht Deutschland, sondern kamen als ausländischer Privatbesitz lediglich der Herrscherfamilie zugute. Ebenso sollte die Ausdehnung Brandenburgs nach Preußen dem Reich nichts einbringen, auch wenn sie die Hausmacht der Familie Hohenzollern vergrößerte. Unterdessen trieb habsburgisch-katholischer Fanatismus die Niederlande dazu, sich von Deutschland abzusetzen.

Den Höhepunkt dieser katastrophalen Entwicklung bildete der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648). Verursacht durch den ungelösten Religionskonflikt und die Parteilichkeit der habsburgischen Kaiser, entspann sich in Deutschland ein haßerfülltes Rauben und Morden, das es zum Schlachtfeld der europäischen Großmächte Frankreich und Schweden werden ließ. Am Ende des sinnlosen Schlachtens waren rund 40 % der deutschen Bevölkerung tot, waren die Niederlande und die Schweiz endgültig verloren. Das Reich war an Menschen, Material und Moral dermaßen ausgeblutet, daß es sich bis zu seinem Ende 1806 wirtschaftlich nur langsam und politisch überhaupt nicht mehr erholte. Dadurch fiel es Ludwig XIV. von Frankreich, dem „Sonnenkönig“, nicht schwer, sich nach und nach mehrere Landschaften Südwestdeutschlands anzueignen. Daß auch Schweden sich einige deutsche Provinzen abgezweigt hatte (Bremen und Vorpommern, bis 1815 schwedischer Kronbesitz), die aber formal weiter dem Reichsverband angehörten, fiel schon kaum mehr ins Gewicht.

Napoleon tat ein übriges und versetzte dem ohnehin todgeweihten Deutschen Reich den letzten Stoß. Für 65 Jahre, von 1806 bis zur Neugründung 1871, gab es überhaupt keinen deutschen Staatsverband. Auf dem Wiener Kongreß (1813/15), der Europa nach der französischen Revolution und der napoleonischen Tyrannei neu ordnen sollte, triumphierten kleinstaaterischer Provinzialismus und ausländische Intrigen über die deutsche Einheit. Erst nachdem Frankreich ein weiteres Mal geschlagen war, Elsaß-Lothringen wieder herausgeben mußte und die preußischen und österreichischen Armeen gemeinsam dem dänischen König Schleswig-Holstein entwunden hatten, konnte Deutschland 1871 unter preußischer Regie wiederhergestellt werden. Außer Belgien und Luxemburg, die sich selbständig gemacht hatten, war allerdings der größte deutsche Teilstaat, nämlich Österreich, nicht dabei. Einmal etabliert, ließ sich diese „kleindeutsche Lösung“ (ohne Österreich) nicht mehr revidieren: Von Hitlers kurzlebigem Anschluß (1938 bis 1945) abgesehen, ist Österreich bis heute vom übrigen Deutschland abgetrennt geblieben.

Durch den 30-jährigen Krieg und die mit ihm ermöglichten Abspaltungen und durch zwei Weltkriege ist Deutschland in etwa auf den Stand des Ostfrankenreichs von 843 geschrumpft. Der deutsche Süden bildet, wie gesagt, heute mit Österreich und der Schweiz eigene Staaten. Im Osten sind Westpreußen, Posen, Danzig und Oberschlesien, die vom 12. bis 15. Jahrhundert von deutschen Rittern und Kaufleuten kultiviert und besiedelt worden waren, seit dem ersten Weltkrieg an Polen verloren. Das Memelgebiet, im 19. Jahrhundert zeitweise Sitz des preußischen Königs, wurde an Litauen bzw. die Sowjetunion abgegeben; und im Westen gehört seit 1918 die deutsche Region Eupen-Malmedy zu Belgien. Als Strafe für Hitlers Aggression gegen fast ganz Europa ging Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg auch noch Ostpreußens (an die Sowjetunion und Polen) und des Elsaß’ und Lothringens, die über tausend Jahre lang rein deutsches Siedlungsgebiet gewesen, aber schon seit dem 17. Jahrhundert von Frankreich beansprucht worden waren, verlustig.

Die Ausdehnung Deutschlands entspricht im Osten heute ungefähr dem Fortschritt der Ostkolonisation bis zum 13. Jahrhundert, und im Westen bildet der Rhein im wesentlichen die Grenze zu den Nachbarn. Läßt man jene Länder beiseite, die im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gewonnen worden waren, die nie richtig zu Deutschland gehörten und im Laufe der neueren Geschichte wieder zerronnen sind, so ist für das deutsche Kerngebiet in Mitteleuropa folgende Bilanz zu ziehen: Aus dem, was einst dank gemeinsamer Sprache und Kultur politisch zum Deutschen Reich zusammengewachsen war, sind durch Zerstückelung und Auseinanderleben bis heute, nachdem allerdings die sowjetische Besatzungszone (von 1949 bis 1989 „DDR“) wieder mit Westdeutschland vereinigt ist, sechs Einzelstaaten geworden — die Niederlande, Belgien, Luxemburg, die Schweiz, Österreich und der „Rumpf“, die Bundesrepublik Deutschland.

Zum Schluß noch ein Wort, um mögliche Mißverständnisse zu vermeiden: Das geopolitische Werden, Wachsen und Zerlegtwerden einer Nation festzustellen und, wie im vorausgegangenen kurzen Abriß geschehen, aufzuzeigen, ist selbstverständlich nicht gleichbedeutend mit dem Wunsch oder gar Anspruch, ältere geschichtliche Zustände wiederherstellen zu wollen (5). Keinem irgendwie gearteten Revanchismus sollte hier das Wort geredet werden! Tatsächlich wird im Ernst kein Deutscher, auch kein Heimatvertriebener, verlangen und erwarten, Polen solle Teile seines heutigen Staatsgebietes wieder an Deutschland abtreten. Davon abgesehen, daß eine solche Maßnahme keinen „Gewinn“ bedeuten, sondern nur neuen Unfrieden und neue Ungerechtigkeiten heraufbeschwören würde — die Darstellung der Besiedelung Europas, der Ausbreitung der Germanen, der Entstehung und Ausdehnung Deutschlands sollte gezeigt haben, daß es kein „ursprüngliches“ Eigentum irgendwelcher Bevölkerungen an irgendwelchen Landschaften gibt. Immer und überall waren andere schon früher da!

 
 

Anmerkungen

(1) Skandinavien stand unter der Herrschaft der nordgermanischen Wikinger, die erst nach 1000 christlich wurden, und Spanien war seit dem Fall des Westgotenreichs (711) maurisch-islamisches Emirat; die dem Frankenreich benachbarten Westslawen waren bereits teilweise mit Karl und seinen Nachfolgern politisch assoziiert, aber überwiegend noch nicht dem Christentum beigetreten; Süditalien wurde seit der Mitte des 6. Jahrhunderts vom orthodoxen Kaiserreich Byzanz beherrscht.

(2) Das Adjektiv ,,deutsch“ leitet sich über mittelhochdeutsche Formen wie ,dudesch‘ und ,diutsch‘ (sprich: ,,dütsch“) vom germanisch-althochdeutschen ,thiudisk‘ ab, was ursprünglich soviel wie ,,völkisch“/ „volksmäßig“ bedeutete (,thiut‘= Volk). In diesem Sinne war Deutschland zu fränkischer Zeit dort, wo man die ,,Volks“-Sprache sprach, im Unterschied zum Westen des Reiches, wo vom Volk ein vulgärlateinischer Dialekt (das spätere Altfranzösisch) gesprochen wurde, d.h. eine auf dem offiziellen Latein des römischen Imperiums basierende angenommene Sprache. Erst nach 870 konnte aus der natürlichen Einheit der (west-)germanischen Sprachgemeinschaft all-mählich auch eine staatliche Einheit erwachsen. Siehe dazu die beigefügte Zeittafel zur germanisch-deutschen Geschichte der Frühzeit (bis 800 n. Chr.) und Abschnitt „Dialekte/Sprachgeschichte“.

(3) Obwohl Karl der Kahle (840/43 - 877) als der zweite „Karl“ (nach Karl I. dem Großen) nur über Frankreich herrschte, gilt Karl der Dicke (876 - 887), der nur König von Ostfranken (=Deutschland) war, als Karl „der Dritte“, und zwar in Frankreich wie in Deutschland. Diese Art der gemeinsamen Zählung wurde in beiden Ländern auch in der späteren Geschichte nicht aufgegeben. Nachdem allerdings in Deutschland der Wechsel von den Karolingern zur sächsischen Dynastie vollzogen war, wurden die französischen Karolinger, die Frankreich noch bis 987 regieren sollten, bei der deutschen Königszählung nicht mehr berücksichtigt.

(4) Siehe die im Anhang wiedergegebenen „Straßburger Eide“, die 842 vor den versammelten Gefolgen von den west- und ostfränkischen Herrschern zum allgemeinen Verständnis in lateinischer, althochdeutscher und altfranzösischer Sprache geleistet wurden.

(5) Solche Wünsche bestehen zwar, unter anderem bei den heimatvertriebenen Deutschen aus den ehemaligen, durch Hitler verlorenen ehemaligen deutschen Ostgebieten; staats- und völkerrechtlich sind sie dem theoretischen Anspruch nach sogar gedeckt, da es seit dem Ende des zweiten Weltkrieges und selbst nach der Wiedervereinigung Mittel- und Westdeutschlands immer noch keinen offiziellen Friedensvertrag zwischen den damals kriegführenden Ländern gibt. Das hat zur Folge, daß Deutschland völkerrechtlich bis heute in den Grenzen von 1937 besteht, die den geographischen Zustand vor dem Anschluß Österreichs und der von England, Frankreich und Italien abgesegneten deutschen Inbesitznahme des Sudetenlandes [West-Tschechei] repräsentieren. Deshalb heißt es zum Beispiel in der zuletzt wiedergegebenen Karte (Europa 1945) für Ostpreußen, dieses Gebiet stehe unter „sowjetischer“ bzw. „polnischer Verwaltung“. Einem Friedensvertrag, der allerdings vielfach auch schon schlichtweg als obsolet angesehen wird, stehen unter anderem die Wiederherstellungsforderungen der Vertriebenenverbände entgegen, welche bisher von keiner deutschen Nachkriegsregierung übergangen werden konnten. Im Falle der Tschechei stehen sich von deutscher wie von tschechischer Seite Wiedergutmachungsansprüche gegenüber, die einander ausschließen und daher eine endgültige Einigung über die „Friedensbedingungen“ unmöglich machen.

 

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