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AUFSATZ

Epoche: 19. Jahrhundert

Ernst Moritz Arndt
Ernst Moritz Arndts Stellung zur Revolution von 1848 im Lichte seiner früheren Schriften
von Stefan Jacob (zuerst veröffentlicht 1990)
I. Vorwort
II. Ernst Moritz Arndts Verständnis der Freiheit
III. Arndt und die französische Revolution
IV. Nationalismus
V. Einfluß der Lebenslage und der persönlichen Wechselfälle
VI. Zusammenfassung

I.

Vorwort

Es ist schön, sein Vaterland lieben und alles für dasselbe thun,
aber schöner doch, unendlich schöner, ein Mensch sein und
alles Menschliche höher achten als das Vaterländische.

Ernst Moritz Arndt (1)

Die geschichtliche Bedeutung Ernst Moritz Arndts für die deutsche Revolution von 1848 ist nicht allzu hoch anzusetzen. An ihrem Anfang war der Dichter und Publizist in Frankfurt als eine Persönlichkeit von beträchtlichem Symbolwert empfangen worden, aber in ihrem Verlauf wurde er den in ihn gesetzten Erwartungen nicht gerecht. Er schien zu konservativ geworden, um sie wirklich mitzutragen, und sein Wirken in der Nationalversammlung beschränkte sich auf die Bekleidung des Ehrenamtes eines Alterspräsidenten, erfolglose briefliche Verhandlung mit dem preußischen König und eine einzige längere Rede. Außerdem verfaßte er eine ziemlich umfangreiche Schrift über die Ziele der Revolution (2), die aber keine weitere Verbreitung fand.

Arndts Verhalten dürfte vielen jüngeren Parlamentariern eine Enttäuschung bereitet haben, die ihn zur Teilnahme in Frankfurt überredet und ihn dort jubelnd begrüßt hatten, weil sie in ihm eine revolutionäre Vaterfigur, einen Vorkämpfer der Volkserhebung gegen das alte System der Adelsmacht sehen wollten; es sollte sich zeigen, daß Arndt für die Rolle nicht zur Verfügung stand.

Als ,Stein des Anstoßes‘ für meine Arbeit möchte ich eben diese Feststellung nehmen, daß Ernst Moritz Arndt also eigentlich trotz äußerer Beteiligung am revolutionären Geschehen kein rechter Revolutionär war, daß sein eher warnendes Auftreten während der Ereignisse 1848/49 im Widerspruch zu seinen kämpferischen sozialen und nationalen Schriften der Vergangenheit zu stehen schien. Ich möchte der Frage nachgehen, inwieweit ein solcher Widerspruch tatsächlich bestand, und nachzuvollziehen versuchen, ob er denn eine Wandlung in Arndts Einstellung zu gesellschaftlicher Veränderung bedeutet. In dem Zusammenhang erhebt sich für mich auch die Frage, wie Arndts Selbstrechtfertigungen nach 1840 und sein Vorbehalt gegenüber dem Ungestüm der Revolution einzuschätzen sind; ob er darin – wie von ihm selbst behauptet – Mißverständnissen seiner früheren feurigen Schriften entgegenzutreten beabsichtigte, oder ob sie nicht doch tatsächlichen Meinungsänderungen entsprachen.

Um Arndts Wanderungen zwischen Fürstenverfemung (3) und Anwaltschaft für den Adel (4), seine Wandelung vom stürmischen ,Volksmann‘ zum bedenklichen Rezensenten der Revolution nachzuzeichnen, werde ich mich an vier Gesichtspunkte seiner Geisteswelt halten, von denen ich meine, daß sie sich als maßgebliche Triebfedern durch sein gesamtes literarisches Schaffen ziehen. Daß einer dieser Gesichtspunkte das persönliche Erleben und dessen Folgerungen sein müssen bei einem Mann, der sich zeitweise politischer Verfolgung und Bestrafung ausgesetzt sah, versteht sich wie von selbst. Die andern drei mögen austauschbar sein, sind aber nicht willkürlich gewählt – ich glaube, an ihnen die bezeichnendsten Feststellungen machen zu können.

Die Frage nach Arndts Verhältnis zur französischen Revolution liegt angesichts des Stoffes auf der Hand. Dann scheint es mir wichtig, auf diejenigen Begriffe einzugehen, mit denen Arndt im allgemeinen Bewußtsein wohl am meisten verknüpft ist: bürgerliche Freiheit und Nationalismus. In ihnen ist jeweils eine Seite des Schriftstellers gewissermaßen auf den kürzesten Nenner gebracht, und die Ungenauigkeit solcher Verkürzungen machte es möglich, daß die beiden großen gewalttätigen Ideologien des 20. Jahrhunderts, Nationalsozialismus und Kommunismus, Arndt für sich als geistigen zu vereinnahmen versuchten. Wollten sie ihn ganz für sich haben, mußten sie aber vieles andere, was sich dem verkürzten Begriff nicht zuordnen ließ, vieles Differenzierte vernachlässigen. –

 

II.

Ernst Moritz Arndts Verständnis der Freiheit

Obwohl das Andenken Ernst Moritz Arndts besonders mit seinem Freiheitssinn verbunden ist, dessen legendärer Charakter seinen Ursprung in Arndts Rolle während der Befreiungskriege hat, war es ihm 1848 offenbar selbst keine leichte Aufgabe, den Begriff von Freiheit zu bestimmen. “Das verjüngte, oder vielmehr das zu verjüngende Deutschland” beginnt mit einer regelrechten Geschichte der “deutschen Freiheit”, aber was darunter zu verstehen sei, wird allenfalls im leichtverständlichen Einzelfall deutlich:

“Die alten Deutschen hatten viele gleiche und auch einige wenige bevorrechtete Freie, aber sie hatten auch hörige Leute, (...) und leibeigene Knechte und Sklaven, welche sie sogar ungestraft tödten durften. (...) Eine allgemeine deutsche Freiheit, wie wir sie jetzt kaum erst erringen, in den germanischen Anfängen anzunehmen ist ein edler Traum.” (5)

Daß Knechtschaft und Sklaverei Unfreiheit bedeuten, ist selbstverständlich, und daß Arndt auch schon immer daran gelegen war, solche Zustände abzuschaffen, zeigt sein “Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen” (1806), der anscheinend eine sachliche Betrachtung sein wollte, aber eben durch nüchterne Darstellung des Unerträglichen zielgerichtet war und sein Ziel ja auch nicht verfehlte (6). In dieser Hinsicht geht Arndts folgerichtiges Urteil so weit, der nordamerikanischen Republik den Rang einer freien Gesellschaft abzusprechen, weil dort “scheußlichste Sklaverei” herrsche und Freiheit mit Verwüstung (nämlich der eingeborenen Kultur!) und Gesetzlosigkeit verwechselt werde (7).

Die Schwierigkeit mit Arndts Freiheitsbegriff, wie er ihn 1848 darzulegen versucht, um der Revolution eine vorsichtige Richtung zu geben, liegt darin, daß er die zu erringende “allgemeine deutsche Freiheit” aus dem oben Angeführten mit ganz widersprüchlichen Einzelvorstellungen ausfüllt. Fast auf jeder Seite wird unentwegt und auf das heftigste vor “den Republikanern” und ihren Verführungen gewarnt, sie seien falsche Propheten wollten den gesamten Adel ausrotten, Deutschland für die äußeren Feinde angreifbar machen, sie leugneten die christliche Jenseitswelt, schändeten Deutschlands und Preußens Ehre, und zwar dies alles mit böser Mutwilligkeit. Dem stehen in derselben Schrift Verheißungen wie diese gegenüber:

“Ihr Männer des Volks werdet eure Vorsteher und Oberen euch künftig meistens nach freier Wahl setzen, diejenigen, von welchen ihr auf den unteren Stufen des Bürgerlebens geleitet und regiert werden wollt. (...); ja ihr werdet eure höchste Obrigkeit, euren großen Volksrath, ihr werdet das deutsche Parlament wählen.” (8)

Dahinter scheint dann doch eine entschieden republikanische Gesinnung zu stehen, ebenso hinter dem Vorschlag allgemeiner Volksbewaffnung und gesetzlicher Gleichstellung von Volk und Adel, auch wenn diesem seine Vorrechte für eine Übergangszeit noch so belassen werden sollten, “daß er nicht mehr drücken, drängen und verdrängen könne” (9).

Die innere Widersprüchlichkeit der Schrift gipfelt darin, daß Arndt sich selbst trotz aller Verfemung des Wortes gelegentlich als “Republikaner” bezeichnet (10) und fast im selben Atemzug eine “große deutsche Republik” bzw. – noch merkwürdiger! – “viele Einzelrepublikchen” strikt ablehnt. Hier scheint die freiheitliche Gesinnung in einen kaum lösbaren Konflikt mit dem gleichzeitigen Wunsch nach einer einigen deutschen Nation geraten zu sein, die wehrhaft nach außen sein soll und darum nicht ganz demokratisch sein darf, denn gerade auf eine solche Schwäche lauerten die Franzosen. Was sich dabei als Auflösungsmöglichkeit allenfalls bietet, soll im letzten Teil dieser Arbeit besprochen werden; an dieser Stelle möchte ich eine Rückschau auf frühere Freiheitsgedanken Arndts halten.

Entscheidend für Arndts politisches Denken in der Frühzeit und während der Befreiungskriege, die ihn zu den stärksten volkstümlichen Aufwallungen bewogen, war sicherlich seine einfache, bäuerliche Herkunft. Diese hatte er gewissermaßen den meisten anderen Dichtern und Philosophen, deren Gedanken ebenfalls im Gefolge von Aufklärung und Romantik um die Naturrechte des Menschen kreisten, als angeborenen Bewußtseinsvorsprung voraus. Und er zeigte sich ihr verpflichtet, indem er sich bemühte, für ,das Volk‘ einzutreten und sich stets zu ihm zu bekennen, nicht nur im nationalen Sinn, sondern auch in rechtlicher und sozialer Hinsicht. Trotz des schwierigen Verhältnisses zur französischen Revolution, von dem noch zu reden sein wird, machte er sich eine Reihe ihrer Forderungen zu eigen. Auf dem Höhepunkt seiner Berühmtheit wird das besonders in der Schrift “Kurzer Katechismus für teutsche Soldaten” (1812) deutlich. Dort heißt es:

“Das ist die wahre Soldatenehre, daß kein König und Fürst, keine Gewalt noch Herrschaft den edlen und freien Mann zwingen kann, das Schändliche oder Unrechte zu thun oder thun zu helfen. (...) Das ist teutsche Soldatenehre, daß der Soldat fühlt: er war ein teutscher Mensch, ehe er von teutschen Königen und Fürsten wußte; es war ein teutsches Land, ehe Könige und Fürsten waren.” (11)

Rolf Weber, der Verfasser eines Kommentars zum “Katechismus”, erkennt in diesen Auszügen “ausgesprochen revolutionären Gehalt” (12); in der Tat bezeugt die darin an den Tag gelegte Achtungslosigkeit gegen den Adel ja eine erheblich aufrührerischere Haltung als die viel späteren Schriften und Reden Arndts zur deutschen Revolution. Daraus allerdings sogleich ein geschlossenes revolutionäres Weltbild zu erschließen, mutet angesichts der Entstehungslage und des besonderen Zwecks der Schrift etwas gewollt an – der Titel spricht für sich, und in ihm spricht dem Tonfall nach nicht mehr ein Mann des Volkes, sondern beinahe das Sprachrohr eines zornigen alttestamentarischen Gottes (13).

Auch der Arndt-Forscher Ruth stellt im “Katechismus” und andernorts durchaus volkstümliche Forderungen des mittleren Arndt fest, die gesellschaftliche Sprengkraft besäßen, ordnet sie aber statt dem vermeintlichen sozialrevolutionären Drang eher der nationalen Sendung Arndts zu:

“Die Gewißheit, daß alles Große allein vom Volke ausgehen kann, wurde nunmehr der beherrschende Gedanke seines Lebens, und daraus folgte die Aufgabe, dahin zu arbeiten, daß es vom Volke ausgehe. Denn die Begeisterung von 1813 konnte ihn nicht darüber täuschen, daß das Ziel eines wahren Volkes, das er scharf von der ruhelosen Wurzellosigkeit hohen und niederen Pöbels unterschied, noch lange nicht erreicht sei.” (14)

Die angesprochene Unterscheidung zwischen Volk und Pöbel findet sich in verschiedenen Schriften Arndts wieder, etwa auch im “Entwurf einer teutschen Gesellschaft” (15). Dort schlüsselt sie sich derart auf, daß wohl das Volk, aber nicht der Pöbel an politischer Verantwortung beteiligt werden sollte. Das heißt, Arndt weist immerhin einer begrenzten Demokratie den Weg, gebraucht auch diesen Ausdruck, enthält sich aber sonst allen revolutionären Vokabulars. Seine Vorstellung, wieweit eine solchermaßen grob ins Auge gefaßte Republik gehen könnte, bleibt stets ungenau und setzt bei ihm zu allen Zeiten ein darüber thronendes Königtum voraus.

Zu fragen wäre also immer noch nach dem sozialen Bewußtsein. Besteht Arndts “Pöbel” aus Menschen, denen es nur am nötigen Besitztum fehlt, um einer besseren Klasse zugerechnet werden zu können, oder liegt die Benennung an den möglichen chaotischen Zuständen, die durch eine Mitherrschaft der niederen Schichten heraufziehen könnten? Das erstere ist auszuschließen, wenn man sich wiederum gegenwärtig macht, wie klar sich Arndt auf die Seite der verknechteten Bauern geschlagen hat (16), wenn man ferner wieder an seine eigene Abstammung denkt, trotz derer er sich berechtigt fühlte, ja geradezu aufgefordert, die Tagespolitik mit seinen Beiträgen zu beliefern. In seiner eigenen Person bricht sich sozusagen die politische Anteilnahme des Kleinbürgertums Bahn, und dies nicht zufällig, sondern in bewußter Wahrnehmung bürgerlicher Aufgaben, deren Vernachlässigung er seinen weniger interessierten, abgehoben romantisierenden Zeitgenossen vorwirft, wenn er von “sublimen Ästheten, die, auf Hellas und Hispaniens Fluren wandelnd, den stinkenden Mist der Politik verachten, während sie die irdischen mit einem höhnischen Lächeln unter sich vergehen sehen,” spricht (17).

Weit eher als die Verleugnung der Notwendigkeit auch sozialer Reformen drückt das Wort vom Pöbel also bereits 1814 jene charakteristische Angst Arndts vor dem Chaos aus, das er 1848 im “Verjüngten, oder vielmehr zu verjüngenden Deutschland” (18) hereinbrechen sieht, falls die Revolution nicht mit der größten Behutsamkeit betrieben werde.

Zusammenfassend ist festzustellen, daß der Freiheitsbegriff Arndts im Grundsatz 1848 keine größeren Wandlungen gegenüber auch den wesentlich früheren Schriften aufweist. Ihm gehört regelmäßig und von jeher der überwiegende Teil des bürgerlichen Forderungskatalogs – Pressefreiheit, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, Staatsverfassung usw. – an, darüberhinaus sogar das Verlangen nach sozialen Sicherungen für die Schwachen der Gesellschaft. Folglich entgingen ihm auch Sinn und Bedarf für diese bürgerliche Revolution keineswegs: “ Es mußte endlich platzen und donnern, und es hat gedonnert, und wie?” (19). Aber dieses Fragezeichen am Ende – es läßt Zweifel aufkommen, ob bei Arndt im hohen Alter die Furcht vor den Wirkungen des Donners, der Volksunruhe nicht doch mächtiger war als der Wille zur Veränderung. Verständlich, wenn dem so wäre, und wenn manche seiner Mitstreiter es bemerkt haben, so wird das für sie nicht die Jahre fortgewischt haben, in denen Arndt wirklich zu den Fortschrittlichsten gehört hatte.

 

III.

Arndt und die französische Revolution

Schon im Vorwort macht Arndt die Absicht klar, die er in seinem “Verjüngten Deutschland” verfolgt: Davor zu warnen, daß die eben begonnene Revolution falschen Vorbildern nacheifern könnte und das solches Nacheifern notwendig zu den gleichen verabscheuungswürdigen Bluttaten und dem gesellschaftlichen Chaos wie beim Vorbild führen würde. Er läßt keinen Zweifel daran, welchem gefährlichen Vorbild die Warnung gilt, wo gewissermaßen der Feind steht, nämlich in Frankreich. Von dort droht der deutschen Erhebung die Vergiftung, deshalb müsse man achtgeben, die Ansteckung nicht über eine pure Erweckung auch des deutschen Freiheitswillens hinausgehen zu lassen. Gemeint sind an dieser Stelle vordergründig die Pariser Vorgänge vom Februar 1848, aber hinter ihnen steht wie ein bedrohlicher Schatten für Arndt die Revolution von 1789, die Gefahr eines neuen Jakobinertums. Er warnt davor, den Versprechungen der französischen Revolutionäre zu vertrauen, weil “nach aller Erfahrung mit den Franzosen” (20) an wohlgeordnete Veränderungen und an glückliche Früchte nicht zu glauben sei; dem Vertrauen steht eben hauptsächlich die eine Erfahrung entgegen, wie die erste Revolution zunächst zu einem Blutbad, dann zur Beute eines machtgierigen Tyrannen geraten und zuletzt über andere Völker hergefallen war.

Arndt faßt sein französisches Revolutions-Szenario selbst kurz als “das Böse” zusammen, und diese Haltung bestimmt den Charakter der ganzen Schrift, die somit mehr als Abschreckung denn als konstruktives Programm für eine Umgestaltung Deutschlands wirken mußte. Nun ist zu fragen, worauf sich seine energische Feindschaft gegen das französische Vorbild gründet und ob sie in den älteren Schriften bereits dieselbe Bestimmtheit besaß, ob also in dieser Hinsicht eine Wandlung feststellbar ist. Zunächst waren es wohl die “blutigen Auswirkungen” und der “Mißbrauch von Freiheitsparolen zur kriegerischen Unterwerfung von Nachbarvölkern” (21), die ihn schon als Studenten mit Abscheu erfüllt hatten. Skeptisch war er also schon in den 1790er Jahren, während die Revolution noch in vollem Gange war. Besonders die Hinrichtung des französischen Königspaares hinterließ den ungünstigsten Eindruck bei dem jungen Monarchisten, der Arndt trotz zeitweiliger demokratischer Anwandlungen sein ganzes Leben lang blieb; folglich betrachtete er die Vertreter der Gewalt, wie Danton, lediglich als “wälsche Ungeheuer” (22), konnte oder wollte nicht in Betracht ziehen, daß sie teilweise auch für seine eigenen Freiheitsforderungen ursprünglich ihren Weg in die Revolution angetreten hatten, und beschreibt 1813 das Ergebnis ihrer Taten folgendermaßen:

“Das Volk ist von Bösewichtern verstockt und versteinert, es ist von Lastern aufgelöst und verfault, und trägt dazu das Unglück von Gott und den Haß von den Menschen. Verfinsterung des Gemüthes, Lähmung des Verstandes, Verfolgung aller edlen Tugenden, Künste, und Wissenschaften, Abschneidung aller rechtlichen Wege zu Glück und Ehre, Verhöhnung und Unterdrückung aller Freiheit und Gerechtigkeit, (...), wo das herrscht, da müssen die Menschen dummen oder reißenden Bestien gleich werden. So ist Frankreichs Zustand.” (23)

Zehn Jahre zuvor war Arndt den Anfängen der Revolution noch verständnisvoller entgegengetreten – ja, man könnte fast sagen: nahegetreten, insofern, als er wohl hier die Verwandtschaft zwischen ihren grundlegenden Anliegen und seinen eigenen Freiheitsgedanken wenigstens noch erspürt und darum sich bemüßigt fühlt, eine Art ,historische Gerechtigkeit‘ walten zu lassen:

“Man thut wohl offenbar vielen wackeren Männern dieser Nationalversammlung Unrecht, wenn man behauptet, alle hätten auch absichtlich aus Parteihaß von Anfang an für das Verderben Ludwigs gearbeitet, hätten nur eine Republik gewollt, um den alten Thron zu stürzen; alle seien im Grunde Bösewichter gewesen, die alles verwirrt, alles Alte in Trümmer geschlagen hätten, um darauf ihr Glück zu gründen: kurz, alle hätte der elendeste Eigennutz oder ein noch abscheulicherer Haß getrieben. Diese aristokratische Beschuldigung der Gegenpartei steht nicht mit der Geschichte; es läßt sich alles durch das Zeitalter erklären.” (24)

Vor der Besetzung Deutschlands also noch nicht alles Bösewichter in Frankreich! Demnach ist anzunehmen, daß nicht allein die traurigen Auswüchse unter Robbespierres Schreckensherrschaft Arndt zur späteren Totalverurteilung der Revolution bewogen. Dazu bedurfte es der napoleonischen Zeit, der französischen Tyrannei über Europa, die nicht mit dem gedanklichen Anspruch der Revolution in Einklang zu bringen war, dennoch von Arndt als unbedingte Fortsetzung dessen erkannt wird, was mit dem Ausbruch der Revolution geschichtlich in Bewegung gesetzt worden war. Nicht Napoleon wirft er vor, er habe die Revolution mißbraucht, sondern dieser kreidet er an, daß sie einen Herrscher von seinem Schlage zugelassen hat, daß sie ihn sich als Vollstrecker gesucht oder sich doch wenigstens von ihm erbeuten lassen hat; indem Napoleon zum Aushängeschild dieser Revolution geworden, disqualifizierte sie sich für Arndt vollends. Unter dem Eindruck der fortschreitenden Unterjochung Deutschlands durch das napoleonische Frankreich weigert er sich zusehends anzuerkennen, daß mit Bonapartes Machtübernahme und Kaiserkrönung teilweise eine Umkehrung der revolutionären Ziele geschehen war, betrachtet stattdessen seine Herrschaft als Steigerung der ohnehin schlimmen Verhältnisse. Ein seltsames Zeugnis gibt in dem Zusammenhang eine Stelle aus dem “Verhältnis Englands und Frankreichs zu Europa” (1813) ab, in dem Arndt Mitleid mit dem französischen Volk ob seiner Mißhandlung bezeigt:

“Napoleon empfing ein durch die Revolution verwildertes Volk, er empfing ein auf Siege und große Kriegsthaten stolzes Heer, bei welchem sich doch noch viel Sinn für Menschlichkeit und Ehre erhalten hatte. Ihm ist es in vierzehen Jahren geglückt, dieses Heer in die zügellosesten Banditen zu verwandeln.” (25)

Schwerlich ist diese in der Rückschau entstandene verkehrende Sicht der spätrevolutionären Verhältnisse Frankreichs mit der Tatsache vereinbar, daß er während seiner Europareise (1798/99), da ihm in Paris bereits ein gewisser Eindruck von Napoleons beginnender Machtfülle entgegenschlug, offenbar durchaus viel von diesem Mann gehalten hatte, weil, so jedenfalls die Ansicht des Arndt-Forschers Rudolf Fahrner (26), er auf der Suche nach einer starken Führerpersönlichkeit gewesen sei (27); ist es doch ein Jahrzehnt später gerade dieses diktatorische Gebot über die Völker, was ihn veranlaßt, Napoleon in Schriften und Reden mit wütendem Haß zu verfolgen. Seinerseits sorgt der einmal entzündete Haß dann dafür, daß Arndt sich merkwürdig blind für einen inneren Widerspruch seiner Haltung zum napoleonischen Nachspiel der französischen Revolution zeigt, wie ein ostdeutscher Herausgeber des “Kurzen Katechismus für teutsche Soldaten” feststellt:

“Vom Geist der Zeit an, dessen erste Teile 1806 und 1808 erschienen, bis zum Ende der Befreiungskriege 1815 hat er Napoleon I. in fast allen seinen Schriften und in vielen Liedern mit leidenschaftlichen Ausbrüchen des Hasses und der Verachtung bedacht, ohne sich darum zu bemühen oder dazu imstande zu sein, die Widersprüchlichkeit der historischen Rolle des Imperators aufzudecken. Er vermochte in ihm stets nur den Exponenten der Großmacht- und Raubpolitik der herrschenden Kräfte des Nachbarlandes, nie auch den Repräsentanten des von Frankreich ausgehenden bürgerlichen Fortschritts zu sehen.” (28)

Für beides, nämlich für den gewaltsamen Verlauf der eigentlichen Revolution wie für die Nachwirkung Napoleon, gilt also, daß sie als äußere Wahrzeichen die Revolution in Arndts Augen ,verdarben‘, ihm den Blick auf die anfänglichen Ziele nicht mehr freigaben oder sie doch nicht mehr als gerechtfertigt erscheinen ließen.

Ein dritter Ablehnungsgrund liegt laut dem “Verjüngten, oder vielmehr zu verjüngenden Deutschland” im ausgesprochen französischen Charakter der Volksbewegung, “weil grade die französischen Leidenschaften und Triebe einem republikanischen und demokratischen Regiment die feindseligsten sind” (29); bemerkenswerterweise führt Arndt diese Begründung ins Feld, obwohl er einige Seiten zuvor (30) den Franzosen durchaus den richtigen Instinkt dafür zugebilligt hat, daß ihre Erhebung 1789 wegen der gerade in Frankreich herrschenden gesellschaftlichen Fäulnis habe stattfinden müssen. Diese ungewöhnliche Sicht, d.h. die Anschauung von der französischen Revolution als Ausdruck des welschen Volkswesens, findet sich aber noch nicht in Arndts frühesten Bewertungen, sondern taucht bei ihm erst im Gefolge der französischen Besetzung Deutschlands auf, und zwar hier vermutlich weniger aus Überzeugung denn als Werkzeug, mit dem bei der Leserschaft deutsches Vaterlandsbewußtsein und Wehrwille gestärkt werden sollen.

Eine solche Zweckhaftigkeit ist 1848 angesichts des Vorsatzes, vor Nachahmung zu warnen, auch nicht auszuschließen; allerdings blickt Arndts besondere Frankreichfeindlichkeit nunmehr seit 1813 auf eine lange ungebrochene Geschichte und eine wahrscheinlich ebenso lange Zeit der Verinnerlichung zurück. Insofern verweist sie schon mehr auf das Feld seines nationalistischen Eifers, als daß sie noch als sachlicher Einwand gegen das revolutionäre Schreckensvorbild Frankreich gelten könnte.

 

IV.

Nationalismus

“Ein zweites Problem stellt der militante Nationalismus dar, der uns in Arndts Schaffen entgegentritt. Dieser Nationalismus, eine Hypertrophierung des Patriotismus, äußerte sich sowohl in der Deutschtümelei, einer wirklichkeitsfremden Verklärung des eigenen Volkes, seiner Geschichte und seiner Zukunft, als auch in einer übersteigerten Aggressivität gegenüber Frankreich, (...). Seine Haßtiraden, auf die sich Jahrzehnte später Verfechter der Losung von der Erbfeindschaft zwischen Deutschland und Frankreich beriefen, sind in keiner Weise zu rechtfertigen.” (31)

Mit diesen wenigen Worten geht Weber auf die wohl bekannteste Seite Ernst Moritz Arndts ein, die aus sozialistischer Sicht naturgemäß ein Problem darstellt. Trotz des weltanschaulich verengten Blickwinkels wird aber erkannt, daß Arndts Einstellung im Hinblick auf die Nation nicht nur unsachlich, nur unbegründet, nur ein emotionaler Denkaussetzer war – selbst zu Zeiten der gröbsten volksmäßigen Aufwiegelei – sondern daß auch eine handfeste Zielsetzung dahinterstand. 1812 bis 1815 ging es ihm aus nationalen und freiheitlichen Gründen leidenschaftlich darum, mittels vaterländischer Parolen bei den Deutschen, beim Volk sowohl wie bei seinen politischen Anführern, den Willen zu schüren, endlich gegen die unterdrückerische Fremdherrschaft aufzubegehren. Insofern speist sich der Aufruf, die Deutschen sollen sich ihrer Deutschheit bewußt werden, nicht einseitig aus dem Franzosenhaß, sondern diesen erst entstehen zu lassen, damit man an ihm ein deutsches Freiheitsbewußtsein entwickeln könne, ist gleichzeitig das propagandistische Ziel.

Weber nennt diesen Gesichtspunkt des Arndt‘schen Schaffens sicherlich mit Recht “problematisch”, aber ich möchte nicht so weit gehen, gerade für die Zeit der Befreiungskriege nicht, mit ihm Arndts Haltung als “in keiner Weise zu rechtfertigen” anzusehen: Angesichts der Lage Deutschlands war solche Gewalt der Worte sehr wohl gerechtfertigt, vor allem wenn man berücksichtigt, daß er nicht zu harten Mitteln gegriffen hat, um Frankreich etwas ,heimzuzahlen‘ oder um über die Franzosen in ihrem Lande herfallen zu lassen und ihre Kultur zu untergraben. Es ist zu betonen, wie sehr bei Arndt der Nationalstolz, auch noch als nationale Überhöhung, auf den inneren Wert seines Volkes, auf das Wissen um diesen Wert gerichtet und von festen Grenzen, die für ihn von der Weite des deutschen Sprachraums bestimmt sind, umschlossen ist. Die für Frankreichs Bestand scheinbar so bedrohliche Schrift “Der Rhein, Deutschlands Strom, aber nicht Deutschlands Grenze” (1814) meint nichts anderes, als daß die französische Auffassung vom Rhein als ,Naturgrenze‘ zurückzuweisen sei, solange links des Rheins die deutsche Sprache und mithin deutsche Menschen lebten (32).

Natürlich verbindet sich seine Vorstellung von dem geschlossenen großen Raum, in dem “die deutsche Zunge klingt”, mit der steten Sehnsucht auch nach einem einheitlichen staatlichen Zustand Deutschlands, aber der soll Frankreich (und Rußland, Schweden, Polen) nur soweit zur Last fallen, als Deutschland dann nicht mehr als willfähriges Opfer für auswärtige Macht- und Beutegelüste herhalten müßte: Nationale Abrundung als Volk und Raum, wie Arndt sie sich für Deutschland wünscht, findet er bei den Franzosen (33) und bei den Schweden (34) verwirklicht und zollt dafür beiden Völkern sogar eine gewisse Bewunderung – Befürchtungen gegenüber ihrem Patriotismus hegt er hauptsächlich, weil das Kräfteverhältnis zwischen ihnen und Deutschland zu ungleich sei. Daran ausgleichend zu wirken, indem er auf deutscher Seite das vaterländische Gefühl stärkt, sieht Arndt als seinen Auftrag an.

Mitunter allerdings verschwimmt diese Zielsetzung, in der sich immerhin Reste seiner bis 1806 gepflogenen weltbürgerlichen Ideen durchaus erhalten haben, in allzu starken Worten, die trotz allen erzieherischen Wollens der nationalen Töne eine leidenschaftliche eigene Anteilnahme erkennen lassen:

“Mein deutsches Vaterland und seine heilige Sache verlasse ich nicht, so lange noch ein Tropfen Blut in mir warm ist. Ich fühle jetzt inniger als je, daß ich den Deutschen angehöre und keinem anderen Volke angehören könnte noch möchte.” (35) Schwimmen heißt aber noch nicht gleich untergehen, und mit einem ungemein zutreffenden Wort des Arndt-Forschers Ruth möchte ich den Rückblick auf Arndts vaterländische Sendung während der Befreiungskriege beschließen:

“Wie in der Tiefe das nationale Empfinden lebendig blieb,(...) so lag anderseits auch den weltbürgerlichen Gedanken ein Dauerndes zugrunde. Denn in ihnen bekundete sich das geistige Gepräge seines Nationalgefühls und die Weltweite seines Blickes, und dadurch unterscheidet er sich aufs stärkste von dem engen und platten Nationalismus, für den er so oft Namen und Worte hat leihen müssen. Er wußte sehr wohl, daß im allgemeinen die Frage töricht ist, welches Volk besser ist als das andere, weil alles, was besteht, ein Recht hat, zu bestehen.” (36)

So klar sich die Bedeutung des Vaterlandes für Arndt in seinen Schriften zu den Befreiungskriegen ausmachen läßt, so zwiespältig stellt sie sich im Revolutionsjahr 1848/49 dar: Einerseits unterläßt er es auch im hohen Alter nicht, heißen Blutes die Vorzüge des deutschen Wesens zu loben und die Franzosen politisch und volksmäßig zu verachten sowie nationalistische Seitenhiebe auf Rußland und Polen auszuteilen, andererseits enthält die einzige große Parlamentsrede Stellen, die am Wunsch nach einem einigen Deutschland zweifeln lassen. Zum ersten ist festzustellen, daß für nationale Parolen gegen die Nachbarländer angesichts des zeitgleichen und geistesverwandten Aufbruchs zur vielbeschworenen bürgerlichen Freiheit kaum Grund bestand, weshalb ein solcher ja auch im “Verjüngten, oder vielmehr zu verjüngenden Deutschland” nicht zu finden ist; vielmehr hat sich Arndts Mißtrauen gegen Frankreich wohl über die ganze Zeit seiner politischen Lähmung (1820 bis 1840), während derer manche Entwicklungen im Verhältnis der europäischen Staaten zueinander an ihm vorübergezogen sein mögen, gehalten und nun eine Art Verkrustung gebildet, unter der sich keine so klare Absicht wie 1813 mehr verbergen kann und deren weitere Pflege folglich selbstzweckhaft ist.

Auch der reine Patriotismus scheint sich verselbständigt zu haben, denn – dies ist zum zweiten zu sagen – das Ziel, ein geschlossenes großes Vaterland zu erringen, ist ein wenig aus den Augen verloren, zumindest gelingt es Arndt nicht, ein klares Bild davon zu entwerfen. Österreich ist, nachdem er schon seit 1840 seine Ideen vom Vaterland mehr und mehr nur noch in Preußen verkörpert gesehen hatte, aufgegeben; und seine Rede über die zu bewahrende Mannigfaltigkeit der deutschen Landschaft gemahnt eher an den losen, zerstrittenen Reichsverband von vor 1806, als daß sie auf einen zukünftigen festen Nationalstaat hindeutet:

“Ich meine, daß sie ein gefährliches und unmögliches, auf jeden Fall ein unglückliches deutsches Ding wollen, indem sie so Verschiedenes und Mannigfaltiges, als die deutschen Stämme mit ihren Trieben und Geistern sind, zusammenzwingen wollen.” (37)

 

V.

Einfluß der Lebenslage und der persönlichen Wechselfälle

An erster Stelle darf nicht übersehen werden, daß Arndt im Revolutionsjahr 1848 sein 79. Lebensjahr vollendete und damit nicht nur als Abgeordneter an sich sehr alt, sondern der Älteste des Frankfurter Parlaments war. Diese Feststellung ist in zweierlei Hinsicht von Bedeutung. Denn was das hohe Alter selbst bedingte, hat Arndt gelegentlich von sich aus bemerkt:

“Übrigens da ich nun auf mich selbst und von mir selbst zu sprechen komme, so fühle ich – und habe es vorher schon gefühlt – daß so alte Leute wie ich in kein Parlament gehören, wenigstens in keines, welches erst ein Parlament werden, oder vielmehr sich gestalten soll. Wäre ich dreißig, vierzig Jahre jünger, so würde ich bald in einer, bald in der anderen Kneipe, wo sich die Clubs halten, auf die Tische springen und die Ware, die ich führe, besser an den Mann zu bringen suchen.” (38)

Dazu kam die Rolle, die man ihm zuwies und die er bereitwillig übernahm (wie aus dem mahnenden Ausdruck seiner Schrift- und Redebeiträge zu erkennen), nämlich die eines über die Vorgänge nurmehr wachenden Patriarchen. Ausdrucksfähigkeit, körperliche und geistige Beweglichkeit hatten zu sehr nachgelassen, als daß er eine wesentlich tatkräftigere Rolle noch hätte spielen können; manchem Parteikollegen Arndts kam dank seiner Eingriffsversuche in parlamentarische Wortgefechte der Verdacht, seine innere Regsamkeit müsse ziemlich abgenommen haben.

Allerdings enthält “Das verjüngte Deutschland” manchen Hinweis auf frühere Erfahrungen, die neben dem Alter als Gründe für Arndts altväterliches Auftreten im Parlament zu anzunehmen sind: Jenen allgemeinen etwa (39), in den letzten Jahrzehnten stets unmittelbar im Getümmel gewesen zu sein und sich dafür nun der besonneneren Betrachtung zuwenden zu wollen. Aufschlußreicher, weil in einen bestimmten Bereich des persönlichen Erlebens deutend, ist die Erinnerung an die “jämmerlichste Jagd von Polizei und Späherei über die deutschen Lande” (40) während der vergangenen dreißig Jahre. Hier spricht Arndt nicht allein davon, was die Bewegung im Lande verändern soll und für welche Freiheiten er nach wie vor einzustehen bereit ist, sondern besinnt sich ebenso auf die eigenen schmerzlichen Verfolgungen. Sie haben ihn offenbar gelehrt, vorsichtiger als früher nach Freiheit zu rufen, vor Ausartungen und übertriebenen Forderungen zu warnen, Ausdrücke zu vermeiden, die mit dem Jakobinertum in Verbindung gebracht werden könnten. Denn für solche Unvorsichtigkeiten war er zwanzig lange Jahre hindurch bestraft worden. Seine Wunden, die Verfolgung als Demagoge, Amtsenthebung und polizeiliche Bespitzelung gerissen hatten, wurden durch den Gnadenakt Friedrich Wilhelms IV. 1840, der ihm die Ehre wiederherstellen sollte und ihn erneut in sein 1820 verlorenes Professorenamt einsetzte, nicht geheilt. Das beweist der erst ein Jahr vor der Revolution erschienene “Nothgedrungene Bericht aus seinem Leben”, ein reines Rechtfertigungswerk, dessen Notwendigkeit Arndt auch noch sieben Jahre nach dem Ende seiner moralischen Verbannung verspürte.

Teils wehrt er sich ein weiteres Mal gegen ungerechte Vorwürfe, bemüht sich um Klärung von Mißverständnissen, zum Teil rückt er aber auch regelrecht von früheren Einstellungen ab, als versuche er nun, Staatstreue nachzuholen, wo er sie im Gefolge der Befreiungskriege nach Meinung Metternich’scher Reaktionäre hatte vermissen lassen:

“Wer politisch wird, nimmt eine bestimmte Richtung wie der Falke, der auf den Raub schießt, und bindet sich irdisch an die Erde fest, um so unseliger, je weniger ihn das Leben noch bindet. (...) Alle politischen Erziehungen taugen nichts und machen halbe Barbaren.” (41)

Das kann nicht mehr derselbe Arndt sein, dessen Bestimmung es während der Entsetzung Deutschlands gewesen war, sich für die politische Erziehung eines Volkes schriftstellerisch in die Bresche zu werfen, trotz der Häscher Napoleons, die ihn schon in Abwesenheit zum Tode verurteilt hatten! Ruth nennt Arndts Brandmarkung als Volksverführer “Fraß am Lebensmark seines Wesens”, anders läßt sich solche Verwerfung der eigenen gerechten Tätigkeit auch wohl kaum erklären (42).

Die persönliche Verfolgung war aber nicht das einzige, was an ihm bis 1848 über einen langen Zeitraum gefressen hatte. Eine andere schwere Enttäuschung, deren Wirkung in den Schriften bis an die Revolution heranreicht, war für ihn der Ausgang der Verhandlungen auf dem Wiener Kongreß: Von ihnen hatte er sich ein anderes, nämlich ein ganzes und freiheitliches Deutschland erhofft, in dem er seine Rolle als Volkserzieher vielleicht hätte fortsetzen können (43). Stattdessen hatte die Wirklichkeit – schal und empörend, wie sie ohnehin war – ihn überflüssig gemacht. Eine weitreichende Erfahrung insofern, als Arndt 1848 für sich und seine Leser den Schluß zieht, daß vor großen Erwartungen, vor der Hoffnung auf einen Umbruch gar, gewarnt werden müsse. Was gelegentlich als Miesmacherei mißverstanden werden kann (und wurde!), scheint mir demnach vielmehr als Schutz gegen einen allzu tiefen Fall nach kurzem Höhenflug auf Ikarus-Flügeln gedacht; deshalb der Rat: “ Also vieles neu, aber nicht alles neu, und nicht alles plötzlich neu.” (44)

 

VI.

Zusammenfassung

Die vorangegangenen Kapitel legen streckenweise nahe, Arndt habe mehr Befürchtungen gegenüber der Revolution gehegt, als daß er sich günstige Veränderungen von ihr erwartet hätte. In der Tat erblickte er in ihr die Gefahr, daß mit einem Strom überhasteten Vorwärtsdrängens der sozialen und nationalen Entwicklung auch die gesunden Pfeiler deutscher Tradition fortgerissen werden könnten, zu denen er seit den Befreiungskriegen den preußischen Geist der Pflicht und des Dienstes an Volk und Vaterland zählte. Aus diesem Grunde stellte er den Deutschen das Feindbild der französischen Revolution vor Augen, und zwar mehr als Mittel der Überzeugung denn aus eigener innerster Überzeugung oder aus reiner Uneinsicht. Denn mitunter war Arndt ja durchaus bereit, selbst bei der französischen Revolution von 1789 im Ansatz richtige Zielsetzungen zu erkennen (45), und auch 1848 noch hielt er gesellschaftliche Veränderungen in Deutschland zumindest für geboten, nachdem er bereits zehn Jahre zuvor die deutschen Fürsten aufgerufen hatte, sie mögen Freiheiten gewähren, wenn sie einem gewaltsamen Umsturz zuvorkommen wollten. Es war der Weg, nicht das Ziel, was ihn bei den Franzosen gestört hatte und was ihn 1848 wieder stören würde, wenn es nicht gelänge, die Volkserhebung in geordneten und gesetzmäßigen Bahnen an den radikalen Demokraten vorbeizusteuern. Auch deren Begehren lehnte er nicht im Grundsatz ab, aber er betrachtete es als verfrüht und noch zu sehr die Würde des Adels verletzend. Die schroffe Art, mit der er eine “allgemeine deutsche Republik” als ungeschickte Übereilung zurückwies, mochte sogar einen Beiklang davon haben, er habe sein lebenslanges Streben nach dem deutschen Nationalstaat aufgegeben, sozusagen der Vorsicht geopfert.

Eine Lösung für den sich offenbar auftuenden Widerspruch zwischen dem Lebenswerk und dem Auftreten Arndts in der Revolution deutet sich vielleicht in seiner vagen Vorstellung von einem bundesstaatlichen Deutschland unter preußischer Führung an, wie er sie im “Verjüngten Deutschland” ausführt: Die Regierung unter einem von Volk und Adel bestimmten Kaiser sollte durch ein Oberhaus der Fürsten und ein vom Volk gewähltes Parlament gemeinsam gebildet werden. Solche abgeklärten Überlegungen entsprangen sicher nicht mehr dem heißen Nationalismus der frühen Jahre, aber wie die Reichsgründung 1871 zeigen sollte, besaßen sie am ehesten Möglichkeiten der Verwirklichung. Wenn man so will, könnte man im Bismarck‘schen Reich die Erfüllung von Arndts lebenslangem, am Ende aber geschrumpftem nationalen Traum sehen.

Blickt man über Arndts Einstellung zum Revolutionsgeschehen hinaus auf seine Wirksamkeit, so ist nicht zu übersehen, daß hier trotz aller auch inneren Wandlungen der größte Unterschied zu den Jahren der Befreiungskriege liegt. War etwa der “Kurze Katechismus für teutsche Soldaten” von hunderttausenden von Deutschen verschlungen worden, so ist für 1848 kaum mehr als dies festzustellen, daß seine “Teilnahme an den Parteikämpfen und sein Auftreten in Frankfurt ihm die Popularität nicht auf die Dauer zu schädigen vermochten” (46). Schließen möchte ich mit einem Satz von Paul Herrmann Ruth, der das zeitgenössische Befremden über Arndts letzte Eingriffe in die Politik zu erklären sucht:

“Die Spätzeit Arndts brachte andere Motive und Richtungen des historischen Denkens in Deutschland zur Herrschaft, denen der Alternde keine neuen Impulse mehr zu geben hatte. Allein die erste Hälfte seines Lebens hat eine allgemeine geistesgeschichtliche Bedeutung.” (47)

 
 

Anmerkungen

Die hier teilweise verwendeten Kurztitel sind durch das anschließende Literaturverzeichnis aufzuschlüsseln.

(1) aus “Fragmente über Menschenbildung II”, Erstausgabe 1805, 5. 201/202

(2) Das ist “Das verjüngte, oder vielmehr das zu verjüngende Deutschland”, 1848, worauf ich mich in den folgenden Kapiteln immer wieder beziehen werde.

(3) besonders anzutreffen im “Kurzen Katechismus für teutsche Soldaten”, 1812

(4) Arndts Parlamentsrede ging über den Artikel 2.66 der Grundrechte des deutschen Volkes: “Der Adel ist für die Ehre der deutschen Geschichte und für das Glück der Zukunft des deutschen Volks noch nicht auszustreichen.”

(5) “Das verjüngte Dtl.”, S. 9

(6) Bald nach Bekanntwerden der Schrift hob der König von Schweden die Leibeigenschaft in Pommern und Rügen auf.

(7) siehe “Das verjüngte Dtl.”, S. 36/37

(8) “Das verjüngte Dtl.”, S. 49

(9) aus der o.g. Rede (Textveröffentlichung in “Reden und Glossen”, 1848)

(10) ebenfalls in der o.g. Rede, z.B. S. 9

(11) “Katechismus”, S. 11/12

(12) Einführung zur Faksimile-Ausgabe von “Drei Flugschriften” Arndts, S.11

(13) vgl. Ruth, “Arndt und die Geschichte”, S. 44/45

(14) Ruth, “Arndt und die Geschichte”, S. 164

(15) “Entwurf einer teutschen Gesellschaft”, S. 20/21

(16) in “Der Bauernstand, politisch betrachtet”, S. 105 – 107

(17) zitiert nach Sichelschmidt, “Ernst Moritz Arndt”, S. 42

(18) dort S. 25 ausführlich

(19) “Das verjüngte Dtl.”, S. 22

(20) vgl. “Das verjüngte Dtl.”, S. 28

(21) vgl. Paul, “Ernst Moritz Arndt”, S. 14

(22) “Erinnerungen aus dem äußeren Leben”, S. 2

(23) “Über das Verhältnis Englands und Frankreichs zu Europa”, S. 82

(24) “Germanien und Europa”, S. 215

(25) “Über das Verhältnis Englands und Frankreichs zu Europa”, S. 83

(26) vgl. Fahrner, “Arndt – Geistiges und politisches Verhalten”, S. 141 ff.

(27) Ruth beschäftigt sich in “Arndt und die Geschichte” S. 45 gleichfalls mit der Arndt‘schen ,Führer‘-Frage, anders als Fahrner aber nicht aus nationalsozialistischer Sicht.

(28) Weber, Einführung zu “Drei Flugschriften”, S. 16

(29) siehe “Das verjüngte Dtl.”, S. 28/29

(30) S. 17 im “Verjüngten Dtl.”; da heißt es:
“Dort ist die jüngste Zeit auf eine ganz eigenthümliche und wunderliche Weise erzogen worden in dem weichen Mistbeete und warmen Bruetofen aller Fäulnisse und Laster. Die Großen und Hohen in Frankreich vorzüglich haben den neuen Ideen des Zeitalters eine weiche und leichte Bahn bereitet und die Umwälzung im guten und bösen Sinn erzogen. Bei einem Volke, in welchem mehr als in irgendeinem andern alle Sitte und Zucht verfault und alle Tyrannei und Unterdrückung gemehrt worden, hat der Witz und die gewandte pricklichte Luftigkeit, die denselben eigen sind, weil die Sitten so ausgelassen und schändlich waren, den Hof und die Großen und die Hohenpriester verächtlich machen können, und so sind alle faulen Vorurtheile und morschen Stützen der alten Macht untergraben und in Umwälzungen zusammengestürzt worden.”

(31) Weber, Einführung zu “Drei Flugschriften”, S. 24/25

(32) Der deutsche Sprachraum, folglich das zu vereinigende Reichsgebiet, umfaßt für Arndt außer dem eigentlichen Deutschland einschließlich Österreichs auch die Niederlande und die Schweiz. Eine solche Vorstellung von Deutschland findet sich noch in seinen Schriften der 30er Jahre, besonders in “Die Frage über die Niederlande und die Rheinlande” (1831) und “Belgien und was daran hangt” (1834).

(33) in den “Reisen”, S. 292 ff.; vgl. Ruth, “Arndt und die Geschichte”, S. 7 – 9

(34) vgl. Ruth, “Arndt und die Geschichte”, S. 89/90

(35) aus einem Brief an Frau v. Kathen vom 4. Juni 1807

(36) Ruth, “Arndt und die Geschichte”, S. 92 und 179

(37) aus der in (4) und (9) genannten Rede, S. 11/12

(38) aus einem Brief Arndts an C.A. Brandis von Ende Juni/Anfang Juli 1848, bei Dühr Nr. 1251, S. 268

(39) siehe “Das verjüngte Dtl.”, S. 25

(40) “Das verjüngte Dtl.”, S. 21/22

(41) hier zitiert aus den “Erinnerungen aus dem äußeren Leben”, S. 302/ 303; Arndt wiederholt die Stelle im “Nothgedrungenen Bericht aus seinem Leben”.

(42) vgl. Ruth, “Arndt und die Geschichte”, S. 183

(43) Gustav Freytag ist darüber anderer Meinung: “Für das Talent Arndt‘s wäre in den Jahren nach dem Pariser Frieden auch ohne die eintretende Reaction eine segensreiche friedliche Thätigkeit nicht leicht geworden, denn zum akademischen Lehramt war er trotz der Kraft seines mündlichen Vortrags doch nicht ganz geeignet.” (Allg. Dt. Biogr., S.547)

(44) “Das verjüngte Dtl.”, S. 39

(45) siehe dazu Ruth, “Arndt und die Geschichte”, S. 171

(46) Freytag, Arndt—Artikel in der “Allgemeinen Deutschen Biographie S. 548

(47) Ruth, “Arndt und die Geschichte”, Vorwort S. VII

 

Literaturverzeichnis

Bei den Quellen, d.h. den Schriften Arndts, handelt es sich um Erstausgaben, sofern nicht anders angegeben.

Arndt, E.M., “Reisen durch einen Teil Deutschlands, Italiens und Frankreichs in den Jahren 1798 und 1799”, 1801 – 1803

Arndt, E.M., “Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen”, 1803

Arndt, E.M., “Germanien und Europa”, 1803

Arndt, E.M., “Fragmente über Menschenbildung” I, II, 1805

Arndt, E.M., “Geist der Zeit”, Teil 1, 4. Aufl., Altona 1861

Arndt, E.M., “Der Bauernstand, politisch betrachtet”, 1810

Arndt, E.M., “Kurzer Katechismus für teutsche Soldaten”, 1812 (Nachdruck in “Drei Flugschriften”, Ost-Berlin 1988)

Arndt, E.M., “Zwei Worte über die Entstehung und Bestimmung der Teutschen Legion”, 1813 (Nachdruck in “Drei Flugschriften”, Ost-Berlin 1988)

Arndt, E.M., “Was bedeutet Landsturm und Landwehr?”, 1813 (Nachdruck in “Drei Flugschriften”, Ost-Berlin 1988)

Arndt, E.M., “Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Grenze” (1813), Dresden 1921

Arndt, E.M., “Über das Verhältnis Englands und Frankreichs zu Europa 1813

Arndt, E.M., “Entwurf einer teutschen Gesellschaft”, 1814

Arndt, E.M., “Die Frage über die Niederlande und die Rheinlande” (1831), Berlin 1918

Arndt, E.M., “Belgien und was daran hangt” (1834), Berlin 1918

Arndt, E.M., “Erinnerungen aus dem äußeren Leben” (1840), Leipzig 1892

Arndt, E.M., “Nothgedrungener Bericht aus seinem Leben”, 1847

Arndt, E.M., “Das verjüngte, oder vielmehr das zu verjüngende Deutschland”, 1848

Arndt, E.M., “Reden und Glossen”, 1848 (darin die mehrfach zitierte Parlamentsrede vom Juli 1848)

Arndt, E.M., “Polenlärm und Polenbegeisterung”, 1848

Arndt, E.M., “Meine Wanderungen und Wandelungen mit dem Reichsfreiherrn Heinrich Karl Friedrich von Stein” (1858), Leipzig 1893

Dühr, A. (Hrsg.), “Ernst Moritz Arndts Briefe”, Darmstadt 1975

Fahrner, R., “Arndt – Geistiges und politisches Verhalten”, Stuttgart 1937

Freytag, G., “Ernst Moritz Arndt”, in: Allgemeine Deutsche Biographie, 1. Band, Berlin 1875 (Nachdruck 1967)

Illgen, G., “Die Anschauungen Ernst Moritz Arndts über Volk und Staat (Dissertation), Leipzig 1938

Meisner, H. und Geerds, R. (Hrsg.), “Ernst Moritz Arndt – Ein Lebensbild in Briefen”, Berlin 1898

Paul, J., “Ernst Moritz Arndt — ,Das ganze Teutschland soll es sein!”‘, Göttingen 1971

Ruth, P.H., “Arndt und die Geschichte”, München/Berlin 1930

Schildhauer, J. und andere, Festschrift zum 200. Geburtstag Ernst Moritz Arndts, Greifswald 1969

Sichelschmidt, G., “Ernst Moritz Arndt”, Berlin 1981

Weber, R., Einführung zu “Drei Flugschriften” Arndts, Ost-Berlin 1988

 

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