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AUFSATZ

Epoche: 17. Jahrhundert

König Gustav II. Adolf, Held der protestantischen Christenheit
Der Dreißigjährige Krieg –
Vorgeschichte, Ausbruch, Verlauf und Folgen
von Stefan Jacob (zuerst veröffentlicht 1999)
I. Der Aufstieg der Habsburger im 16. Jahrhundert
II. Die Konfessionen rüsten zur Entscheidungsschlacht
III. Der Prager Fenstersturz
IV. Der Verlauf des Krieges in seinen vier Hauptphasen
V. Nach dem Krieg

I.

Der Aufstieg der Habsburger im 16. Jahrhundert

Unter Friedrich III. (1440 – 1493), dem zweiten der langen Reihe von habsburgischen Königen, die Deutschland vom Spätmittelalter bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches regieren sollten (1), war das Kaisertum auf einem historischen Tiefpunkt seiner Bedeutung und seines Ansehens angelangt. Dann begann mit Kaiser Maximilian I. (1493 – 1519) ein zunächst allmählicher, nach seinem Tode — doch von ihm vorbereitet — ein immer rasanterer Aufstieg des kaiserlichen Hauses Habsburg: Dank Maximilians einzigartig erfolgreicher Heirats- und Erbschaftspolitik standen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts beinahe das halbe Europa sowie die soeben entdeckten und eroberten überseeischen Länder unter habsburgischer Herrschaft.

Der Gang der Erbschaftsanfälle, die von Maximilian eingeleitet worden waren, war im wesentlichen folgender: Dadurch, daß er selber Maria von Burgund geheiratet hatte (1477), die einzige Tochter und Erbin des letzten Burgunderherzogs, Karls des Kühnen, fiel nach deren frühem Tod zunächst ihr burgundisches Erbe an Habsburg, nämlich die Niederlande, Luxemburg, die Franche-Comté sowie das eigentliche Herzogtum Burgund. Im nächsten Schritt verheiratete Maximilian seinen Sohn Philipp den Schönen mit Johanna der Wahnsinnigen, Tochter des spanischen Königspaares Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon, die durch ihre Eheschließung erst wenige Jahre zuvor Spanien vereinigt hatten. Gleichzeitig wurde Maximilians Tochter, Margarethe von Österreich, zunächst ebenfalls an das spanische Königshaus (Prinz Johann, Sohn Isabellas und Ferdinands), in zweiter Ehe dann an den Herzog von Savoyen verheiratet.

Aus der Ehe Philipps des Schönen, der bereits 1506 starb, und Johannas der Wahnsinnigen gingen zwei Söhne hervor. Karl (* 1500, † 1558) als der ältere wurde mit sechzehn Jahren (nach dem Tode seines spanischen Großvaters Ferdinand von Aragon) als Karl I. König von Spanien und der zu Aragon gehörenden italienischen Besitzungen Neapel, Sizilien und Sardinien; im Reich erhielt er (nach Maximilians Tod 1519) als Karl V. den Kaisertitel und die Herrschaft über die Niederlande. Sein Bruder Ferdinand (* 1503, † 1564) wurde Erzherzog der österreichischen Erblande, zu denen seit 1526 noch das Königreich Böhmen (mit Mähren, Schlesien und der Lausitz) und Ungarn hinzukamen; Maximilian hatte mit Ludwig II., dem letzten Jagiellonen-König von Böhmen und Ungarn, in einem Heirats- und Erbschaftsvertrag ausgehandelt, daß dessen Länder nach seinem Tode an Österreich fallen sollten.

Die gewaltige Ländermasse, über die Kaiser Karl V. von 1519 bis 1556 als Oberhaupt des Hauses Habsburg herrschte, ließ in Frankreich, das sich von den Habsburgern regelrecht umzingelt fühlte, die Befürchtung einer erdrückenden spanisch-österreichischen Hegemonie aufkommen. Schon im Kampf um Burgund nach dem Tode Karls des Kühnen war Frankreich unterlegen gewesen. Und bei der Königswahl des Jahres 1519 hatte sich außer dem Engländer Heinrich VIII. auch der französische König Franz I. aus der Valois-Dynastie um die Regentschaft über das Heilige Römische Reich beworben; die Kurfürsten aber hatten sich, von den Habsburgern für ihre Entscheidung gut bezahlt, für Karl V. entschieden. Aus diesen Niederlagen Karls VIII. von Frankreich und Franz’ I. und aus dem Widerstand gegen die befürchtete spanische Vorherrschaft über Europa entstand der im folgenden Jahrhundert verbissen ausgetragene Gegensatz zwischen den Dynastien der Valois und der Habsburger, der dann im 17. Jahrhundert von dem neuen französischen Königshaus der Bourbonen fortgeführt wurde und sich zu einer jahrhundertelangen Feindschaft zwischen Frankreich und dem deutschen Kaisertum ausweitete. Hier, in einer ursprünglich rein dynastischen Konkurrenz, liegt also der Grund für Frankreichs späteres Eingreifen in den Dreißigjährigen Krieg, für den Raub des Elsaß’ unter Ludwig XIV. und für alle weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den ‘Erbfeinden’ Deutschland und Frankreich bis hin zum II. Weltkrieg.

Franz I. von Frankreich war nicht der einzige, der sich durch die habsburgische Expansion bedroht und provoziert fühlte. Auch die deutschen Fürsten mußten befürchten, durch die sich ständig vergrößernde habsburgische Macht in ihren politischen Spielräumen eingeengt zu werden. Während England und Frankreich bereits dabei waren, sich zu zentralistischen National-Monarchien zu entwickeln, hatte die Autorität des deutschen Königtums seit dem Hochmittelalter bis hin zu Friedrich III. immer weiter abgenommen; dagegen war es den Fürsten in den einzelnen Ländern gelungen — auf Kosten der kaiserlichen Reichsgewalt — , ebenfalls Ansätze zu absolutistischer Zentralisierung hervorzubringen und ihre Besitzungen geographisch abzurunden, d.h. den mittelalterlichen Personenverbandsstaat allmählich in neuzeitliche Landesherrschaften zu verwandeln. Das Fortschreiten dieser Entwicklung mußten die Fürsten durch das Wiedererstarken des habsburgischen Kaisertums bedroht sehen.

Die Befürchtungen Frankreichs und der deutschen Fürsten waren nicht unbegründet. In der Tat begriff Karl V. seine Regierung über die riesigen spanisch-niederländisch-italienisch-österreichischen Ländereien als Grundlage einer Universalmonarchie, wobei auch die spanische Herrschaft auf den Weltmeeren eine Rolle spielte; allein der Nachbar Portugal machte Spanien bislang in Übersee Konkurrenz, und dieser ohnehin an militärischer Macht weit unterlegene Rivale wurde 1580 unter Karls Sohn Philipp II. auch noch mitsamt seinen Kolonien geschluckt. Im Innern des Reiches zeigte Karls Politik absolutistische Tendenzen, indem sie dynastische Hausmachtinteressen mit dem Wohl des kaiserlich-katholischen Staatswesens identifizierte.

Am deutlichsten kristallisierte sich der Widerstreit der Interessen daran, wie die einzelnen Parteien auf die Reformation reagierten: Was als theologischer Streit begonnen hatte und bald zu einer frommen, zum Teil auch sozialrevolutionären Volksbewegung geworden war, entwickelte sich seit den 1530er Jahren mehr und mehr zum alles bestimmenden machtpolitischen Faktor. Während viele Reichsfürsten schnell zum Protestantismus übergingen — zunächst aus tatsächlicher reformatorischer Begeisterung, bald aber auch aus der Erkenntnis heraus, daß die Ablösung von der alten Reichskirche, auf der naturgemäß das habsburgische Kaisertum beruhte, geeignet war, die fürstlichen Autonomiebestrebungen zu unterstützen und zu rechtfertigen — , eröffnete Karl V. im Namen der Reichsinteressen und der katholischen Glaubenswahrheit einen heiligen Kreuzzug gegen die neue Lehre. Wie die lutherisch oder calvinistisch geworden Fürsten von einer Mischung aus Glaubenseifer und politischem Kalkül angetrieben wurden, so war auch Karl und den an seiner Seite stehenden geistlichen Kurfürsten sehr bewußt, daß es in dem bevorstehenden Glaubenskampf nicht nur um die wahre Religion, sondern auch um ihre eigene Machtstellung ging, denn der lutherische Eifer gegen Papst und traditionelle Kirche bedrohte ihre ideelle Legitimation.

Begonnen 1521 mit der Ächtung Martin Luthers durch das Wormser Edikt, forciert durch den Augsburger Reichstagsbeschluß von 1531, der jeden Protestanten zum Verräter und Friedensbrecher erklärte, erreichte Karls V. Kreuzzug seinen Höhepunkt im Schmalkaldischen Krieg (1546/47). Zur Abwehr der kaiserlichen Reichsacht und gewaltsamer Rekatholisierungsversuche hatte sich unter der Führung von Philipp dem Großmütigen, Landgraf von Hessen, der Schmalkaldische Bund gebildet. Dieser Schutzbund der evangelischen Fürsten wurde nach dem Reichstag zu Regensburg (1546), der ebenfalls keine Einigung hervorbrachte, von Karl V. mit gewaltiger finanzieller Unterstützung des Papstes angegriffen, und zwar unter dem Vorwand, die Reichsexekution gegen den Landfriedensbrecher Philipp von Hessen durchzuführen. Der Krieg endete (in der Schlacht bei Mühlberg, siehe Abbildung) mit einem vollständigen Sieg des Kaisers. Er brachte jedoch keine gültige Entscheidung in der Religionsfrage, weil Karl in den folgenden Jahren seine absolutistischen Pläne einer damit verbundenen Reichsreform auch gegen diejenigen Fürsten nicht durchsetzen konnte, die 1546/47 noch zu ihm gehalten hatten.

Der Kaiser zog sich resigniert aus Deutschland zurück und ließ seinen Bruder Ferdinand 1555 den Augsburger Religionsfrieden eingehen. Ein Jahr später dankte er aus allen seinen Ämtern ab, übergab Spanien und die Niederlande seinem Sohn Philipp und übertrug die Kaiserwürde samt den österreichischen Stammlanden Ferdinand I., der ohnehin schon seit über zwanzig Jahren eigentlich in Deutschland regiert hatte. Er zog damit die Konsequenz aus der Tatsache, daß er auf der ganzen Linie gescheitert war, was er in seiner bewegenden Abschiedsrede am 22. Oktober 1555 in Brüssel auch offen zugab: mit dem Ausbau der habsburgischen Universalmonarchie zur tatsächlichen Weltherrschaft, mit der absolutistischen Neuordnung Deutschlands ebenso wie mit der Unterdrückung der Reformation. Der Aufstieg des Hauses Habsburg war vorerst gestoppt, aber die Konfessionsfrage sollte sich weiter zuspitzen.

 

II.

Die Konfessionen rüsten zur Entscheidungsschlacht

Der Augsburger Religionsfrieden war von katholischer Seite das Eingeständnis, daß sich die Uhr nicht mehr würde zurückdrehen lassen und der Protestantismus seinen festen Platz in der deutschen Religionslandschaft gefunden hatte. Für die evangelische Seite bedeutete er das Eingeständnis, die Reformation habe dort ihre Grenze zu finden, wo jede weitere Säkularisierung das Fortbestehen des Reiches verhindert hätte; die geistlichen Kurfürstentümer abzuschaffen oder den katholisch gebundenen Kaiser nicht mehr als Oberhaupt anzuerkennen, hätte bedeutet, das hergebrachte Staatswesen aus den Angeln zu heben. Durch den gefundenen Kompromiß war immerhin erreicht worden, daß die nicht aufzuhaltende Ausbildung moderner Landesherrschaften weiterhin innerhalb des Reichsverbandes stattfinden sollte und das Reich selbst als zwar eher formales, aber symbolisch dennoch wichtiges Band der deutschen Einheit erhalten blieb.

Der Frieden von 1555 legte fest, daß in Deutschland fortan die freie Wahl zwischen dem lutherischen oder dem katholischen Bekenntnis bestand — allerdings nicht für die Bevölkerung, sondern für den jeweiligen Landesherrn. Das Prinzip Cuius regio, eius religio (2) bedeutete für die Bewohner einer Landschaft, sich entweder der Religionswahl ihres Fürsten anzuschließen oder das Land zu verlassen; Auswanderung aus religiösen Gewissensgründen wurde ausdrücklich erlaubt. Für alle katholisch-kirchlichen Fürstentümer, also geistliche Kurfürsten und Reichsbischöfe, galt ein sogenannter ‘geistlicher Vorbehalt’: Für ihre Territorien wurde das ansonsten zugestandene Reformationsrecht ausgesetzt. Umgekehrt sollten evangelisch gewordene Gebiete nicht wieder rekatholisiert werden dürfen. Die Reichsstädte, die ja dem katholischen Kaiser unterstanden, besaßen nur ein eingeschränktes, landschaftlich unterschiedliches Reformationsrecht. Dennoch wurden die Reichsstände gegenüber dem Kaiser insgesamt gestärkt, insbesondere da nun jeder Fürst über seine eigene Landeskirche verfügen konnte, was die Selbständigkeit auch der katholischen Stände vergrößerte.

Unter Historikern besteht heute weitgehende Einigkeit darüber, daß die in Augsburg getroffenen Regelungen tragfähig hätten sein können und nicht notwendigerweise zum Dreißigjährigen Krieg führen mußten. Bei toleranterer Handhabung der Bestimmungen hätte der Augsburger Vertrag, so meint etwa H. Schilling (3), durchaus einen dauerhaften Frieden garantieren können, so daß nicht dem Wortlaut der Friedensvereinbarungen, sondern der Unduldsamkeit späterer Generationen die Schuld an der großen Katastrophe des 17. Jahrhunderts zu geben sei. Diese Auffassung hat zumindest ein überwältigendes Argument für sich: Das dreißigjährige Gemetzel von 1618 bis 1648 führte im Hinblick auf die Problematik der religiösen Spaltung zu nichts anderem, als daß man sich auf den Augsburger Religionsfrieden von 1555 besann und im Westfälischen Frieden weitgehend zu seinen Bestimmungen zurückkehrte.

Es ist allerdings auch nicht zu übersehen, daß einige Punkte enthalten waren, die einem dauerhaften Frieden sehr wohl im Wege standen: So war es zwar den Evangelischen verboten, die geistlichen Fürstentümern auf ihre Seite herüberzuziehen; umgekehrt ließen es die Friedensbestimmungen aber durchaus zu, ganze protestantische Fürstentümer durch Erbanfall wieder katholisch zu machen. Mit diesem rechtlichen Zustand, den der Kaiser in den Vertrag gezwungen hatte, konnten die evangelischen Fürsten auf die Dauer nicht leben, da er das mühsam errungene konfessionelle Gleichgewicht bedrohte. Tatsächlich hielten sich dann auch beide Seiten nicht an die Abmachungen — in der Umgebung katholischer Fürstentümer wurde gegen alle Regeln und mitunter sehr brutal rekatholisiert, und in überwiegend protestantischen Gebieten ging die vor 1555 begonnene Säkularisierung von Klöstern und geistlichen Herrschaften weiter. Ein weiterer Konfliktgrund lag in der unklaren Regelung des Reformationsrechts für die Reichsstädte, die sich somit vielerorts zwischen einem Affront gegen den Kaiser oder einem Zwist mit benachbarten Potentaten entscheiden mußten. All dies wirkte sich in der Realität so aus, daß sich weite einheitliche Glaubensgebiete herausbildeten und relativ feste konfessionelle Blöcke entstanden, innerhalb derer wirkliche religiöse Toleranz nicht mehr gelernt werden konnte.

Der schwerwiegendste Fehler des Augsburger Friedens war aber, daß er nur das lutherische und das katholische Bekenntnis einschloß. Täufer und andere reformatorische Sekten waren von ihm ausgeschlossen, vor allem auch die große und politisch bedeutsame Gruppe der Calvinisten und Zwinglianer, die als ‘Reformierte’ zusammengefaßt werden. Durch die friedensrechtliche Ungleichbehandlung der beiden protestantischen Hauptrichtungen trat zur Spaltung in Altgläubige und Protestanten noch die Kluft zwischen bevorrechtigten Lutheranern und benachteiligten Reformierten hinzu, und bald war der Haß zwischen den Anhängern der verschiedenen evangelischen Lehren größer als die Abneigung der Lutheraner gegen den Katholizismus. Diese Entwicklung zeigt einerseits die wachsende Unversöhnlichkeit der sich radikalisierenden Lehrmeinungen auf, andererseits aber auch das Zunehmen des machtpolitischen Kalküls im Kampf der Konfessionen, bei dem es neben der Religion immer auch um dynastisch-politischen Bodengewinn ging.

Während desselben Zeitraums, den man in Deutschland die Epoche der Konfessionalisierung nennt, klärten sich auch im übrigen Europa die Fronten für den bevorstehenden, jedenfalls seit 1608/09 wohl nicht mehr abwendbaren großen Krieg. Schweden war schon 1527 zum lutherischen Glauben übergegangen, also noch vor dem offiziellen Konfessionswechsel vieler deutscher Fürsten, Dänemark mit seinen Nebenländern Norwegen und Island 1530/36; Skandinavien stand damit fest an der Seite der nord- und ostdeutschen Glaubensbrüder. England hatte bereits seit 1534 mit dem Anglikanismus seine eigene Nationalkirche, um die Jahrhundertmitte allerdings vorübergehend erschüttert durch gewaltsame Rekatholisierungsversuche durch Maria die Blutige, und seit 1604 regierte das katholische Königshaus der Stuarts das ansonsten protestantische Inselreich. Frankreich blieb im ganzen katholisch, besaß aber in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine starke calvinistische Bevölkerungsminderheit, die Hugenotten, die zeitweise grausam verfolgt wurden (Bartholomäusnacht, 1572), zu anderen Zeiten aber von einem selber calvinistisch orientierten König (Heinrich IV., Kg. 1589, ermordet 1610) gefördert wurden. Unter dem Reformator Huldrych Zwingli hatte sich diese evangelische Spielart in der Schweiz bereits 1536 durchgesetzt. Bestimmend wurde das reformierte (calvinistisch-zwinglianische) Bekenntnis sonst vorläufig nur noch in den Niederlanden. Wie die oben stehenden Karten zeigen, gewann der Calvinismus aber zwischen 1560 und 1618 auch in Deutschland kräftig an Boden; bei Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges bekannten sich die Fürstentümer Hessen-Kassel, Holstein, Brandenburg, Kurpfalz und einige kleinere Territorien zum reformierten Glauben.

Ganz und gar katholisch blieben nur die von den Habsburgern regierten Länder Spanien, Portugal und das zur Hälfte päpstliche, zur anderen Hälfte habsburgische Italien. Im österreichischen Böhmen und in Ungarn hatte der habsburgische Kaiser mit Lutheranern, aber auch mit Reformierten, ‘Böhmischen Brüdern’ und Nachfolgern der Hussiten zu kämpfen. Polen war am Ende des 16.Jahrhunderts in der eigenartigen Lage, daß eine weitgehend protestantische Bevölkerung von einem katholischen Vertreter der sonst lutherischen schwedischen Wasa-Dynastie regiert wurde, von Sigismund III. Am dramatischsten entwickelte sich die Situation in den spanisch-habsburgischen Niederlanden: König Philipp II. betrieb durch seinen Statthalter, den Herzog von Alba, eine derartig aggressive gegenreformatorische Politik, daß sich die nördlichen Provinzen zu einem Aufstand erhoben, der mehr als fünfzig Jahre andauern sollte. 1609 schloß die spanische Regierung mit den Holländern einen zwölfjährigen Waffenstillstand; pünktlich nach Ablauf dieser Frist gingen die Kämpfe weiter und mündeten dann in den Dreißigjährigen Krieg.

Während also im Norden Europas der Protestantismus bereits gesiegt hatte und nun in erster Linie Dänemark als Schutzmacht der evangelischen deutschen Länder bereitstand, in Südeuropa dagegen unter der Hegemonie Spaniens alles beim alten geblieben war und in den Niederlanden bereits gekämpft wurde, hielt man in Deutschland Heerschau. Seit den 1580er Jahren wurden Konflikte bewußt gesucht und zu Konfrontationen aufgebaut, die Reichstage wurden abwechselnd von katholischen und evangelischen Reichsständen boykottiert oder Entscheidungen blockiert. 1607 beauftragte Kaiser Rudolf II. von Habsburg den Herzog von Bayern, seit Martin Luthers Zeiten eine Vormacht des Katholizismus in Deutschland, mit der Reichsexekution gegen die protestantische Reichsstadt Donauwörth. Maximilian I. von Bayern marschierte auf Donauwörth und beendete dessen Existenz als freie Reichsstadt, indem er sie seinem Herzogtum einverleibte. Dieser empörende Vorgang, der eigentlich eine Niederlage der Evangelischen war, schlug auf die katholische Seite zurück, indem er den in Calvinisten und Lutheraner gespaltenen Protestantismus wieder vereinigte.

Als Folge dieses bayerischen Vorfalls schlossen sich im Mai 1608 einige protestantische Fürsten und Städte zur Union zusammen, einem gegen die katholische Partei gerichteten Militärbündnis unter der Führung des calvinistischen Pfälzer Kurfürsten. Die katholische Reaktion blieb nicht aus; 1609 wurde die Liga gegründet, die unter den Oberbefehl Herzog Maximilians von Bayern gestellt wurde. Die Union konnte sich finanziell auf Bündnisse mit Frankreich, Schweden, England und Holland stützen, während hinter der Liga die Macht Spaniens und die Finanzkraft des Papstes standen. Somit hatten nun beide Seiten schließlich auch militärisch ihre Stellungen bezogen; es fehlte nur noch ein passender Anlaß, an dem sich der Krieg entzünden konnte.

 

III.

Der Prager Fenstersturz

Der von allen Seiten erwartete Anlaß kam binnen zehn Jahren, nachdem sich die Militärbündnisse formiert hatten. Im Jahre 1618 wollten die mehrheitlich protestantischen böhmischen Stände in Prag, der Hauptstadt des habsburgischen Königs von Böhmen, eine Versammlung abhalten. Das Zusammentreffen wurde von der Wiener Regierung verboten. Daraufhin drangen einige protestantische Adelige unter der Führung eines Calvinisten und eines Lutheraners in den Hradschin ein, den Amtssitz der königlichen Statthalter, und stellten die Beamten des Königs zur Rede. Diese versuchten verängstigt, sich zu rechtfertigen, wurden aber auf Grund eines vorbereiteten und mitgebrachten Schriftstücks ‘schuldig’ und gesprochen und kurzerhand aus einem Fenster der Burg geworfen. Trotz der großen Fallhöhe kamen sie zum Ärger der ‘Richter’ mit dem Leben davon, weil sie auf einem Misthaufen weich landeten. Doch das Ereignis wurde zum Fanal für einen allgemeinen Aufstand der böhmischen Stände gegen die habsburgische Herrschaft. Sie wählten, als einige Monate später Kaiser Matthias starb, nicht dessen Neffen und Erben, Kaiser Ferdinand II., sondern den calvinistischen Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz zu ihrem neuen König. Die Aufständischen versprachen sich von dieser Wahl die Wahrung ihrer religiösen und ständischen Freiheiten, die sie durch eine weitere habsburgische Herrschaft gefährdet sahen. Die Entscheidung, daß es nun großen Krieg kommen würde, fiel dadurch, daß Friedrich V. die Wahl annahm; denn das bedeutete, da Ferdinand Böhmen nicht kampflos aufgeben und dem Pfälzer überlassen würde, Friedrich mußte um seinen Anspruch kämpfen.
 

IV.

Der Verlauf des Krieges in seinen vier Hauptphasen

Der Dreißigjährige Krieg spielte sich im wesentlichen in vier Phasen ab, die nach den jeweils beteiligten Ländern bzw. Gegnern des kaiserlich-katholischen Lagers benannt werden: 1. Böhmisch-Pfälzischer Krieg (1618 – 1623), 2. Niedersächsisch-Dänischer Krieg (1625 – 1629), 3. Schwedischer Krieg (1630 – 1635), 4. Schwedisch-Französischer Krieg (1635 – 1648).

1. Der Böhmisch-Pfälzische Krieg (1618 – 1623)

Kurfürst Friedrich V. wurde, obgleich deren Anführer, von der protestantischen Union in seinem Kampf um das böhmische Königtum nicht unterstützt. Lediglich die ebenfalls calvinistischen Generalstaaten der Niederlande und die evangelischen Stände der habsburgischen Erblande traten auf seine Seite. Auf der anderen Seite funktionierte der konfessionelle und militärische Zusammenhalt besser: Herzog Maximilian von Bayern und seine katholische Liga stellten sich in den Dienst des Kaisers. Dadurch herrschte von vornherein ein deutliches Ungleichgewicht der Kräfte, das dann auch dazu führte, daß alle wichtigen Schlachten, schließlich der ganze Krieg für Friedrich V. verloren war. Von der Schlacht am weißen Berg (nahe Prag, 20. November 1620) über Wimpfen, Höchst und Stadtlohn marschierten die von General Tilly befehligten Ligatruppen von Sieg zu Sieg. Nach diesen ersten Erfolgen kamen dem Kaiser auch noch finanzielle Kontributionen und Truppenkontingente aus den spanischen Niederlanden und aus Italien zur Hilfe. Die Unterwerfung der Pfalz geschah hauptsächlich durch spanische Truppen. Aus Böhmen und aus seinem eigenen Erbland vertrieben, wurde Friedrich abgesetzt, die pfälzische Kurwürde als Belohnung für Herzog Maximilian auf Bayern übertragen. Kurfürst Friedrich V. ging als der „Winterkönig“ in die Geschichte ein, weil sein Traum von der böhmischen Krone nach kaum einem Jahr zerplatzt war.

Kaiser Ferdinand war nun auch in die Lage versetzt, den Protestantismus in Österreich endgültig zu unterdrücken. Angesichts der einsetzenden Repressionen und Zwangsrekatholisierungen und der Tatsache, daß das ‘politische Zentrum’ des Calvinismus in die Hände des Kaisers gefallen war, mußten sich nun auch die protestantischen Territorien Nord- und Mitteldeutschlands schwer bedroht fühlen. Die Heere der Liga waren nach dem Sieg keineswegs aufgelöst worden, sondern standen bereit, um den Protestantismus im ganzen Land militärisch aufzurollen.

2. Der Niedersächsisch-Dänische Krieg (1625 – 1629)

Um seinen gefährdeten deutschen Glaubensbrüdern zu Hilfe zu kommen und dem habsburgischen Machtzuwachs entgegenzutreten, schaltete sich König Christian IV. von Dänemark in den Krieg ein, der damit in seine zweite Phase überging. Christian stand im Bündnis mit den evangelischen Ständen Norddeutschlands, mit England und den Niederlanden, die allerdings nach zwölfjährigem Waffenstillstand nun wieder mit ihrem Freiheitskampf gegen die Spanier beschäftigt waren. Mit dieser Konstellation sahen sich Kaiser und katholische Liga einer Allianz fast aller protestantischen Länder Europas gegenüber. In diesem Moment drohender Übermacht der antikatholischen Seite trat der böhmische Kriegsunternehmer Albrecht von Wallenstein auf den Plan: Er hatte ein Heer aus 40.000 Söldnern zusammengebracht, das er nun als zweite Streitmacht neben der Liga-Armee dem Kaiser zur Verfügung stellte. Ferdinand II. nahm das Angebot an und machte ihn zum Oberbefehlshaber aller kaiserlichen Truppen.

In einem Siegeszug, dessen meiste Schlachten in das Jahr 1626 fielen, zogen Wallenstein und Tilly nach Norddeutschland. Nach der Schlacht bei Lutter am Barenberg mußte sich der geschlagene Christian IV. nach Dänemark zurückziehen, und die großen protestantischen Herzogtümer Braunschweig, Holstein, Mecklenburg und Pommern ergaben sich dem Feldherrn Wallenstein. Damit reichte der Habsburgische Einflußbereich bis an die Nord- und Ostsee; der Kaiser stand im Zenit seiner Macht. Er erließ, noch bevor Dänemark — das dafür seine besetzten Gebiete zurück erhielt — im Frieden von Lübeck (22.5.1629) versprach, sich künftig aus dem Krieg herauszuhalten, ein Restitutionsedikt, das die Herausgabe und Rekatholisierung aller seit dem Augsburger Religionsfrieden evangelisch gewordenen Kirchengüter verfügte. Für diesen Erfolg, den er seinem Kriegsherrn zu verdanken hatte, mußte Ferdinand allerdings einen hohen Preis bezahlen: Er gestand Wallenstein, seinem „General des Ozeanischen und Baltischen Meeres“, dem er außer Dank auch eine riesige Summe Geldes schuldete, zu, daß dieser sich fortan ‘Herzog’ des neugebildeten ‘Herzogtums Friedland’ nennen durfte. Wallensteins Herrschaftsgebiet umfaßte die beiden mecklenburgischen Herzogtümer Schwerin und Güstrow. Die besiegten Fürstenhäuser, denen die Länder zuvor jahrhundertelang gehört hatten, wurde kurzerhand enteignet.

Beide Rechtsbrüche des Kaisers, nämlich der Erlaß des Restitutionsedikts ohne Zustimmung der Reichsstände und die Verletzung der dynastischen Legitimität, konnten nur die Empörung der Fürsten hervorrufen: Auf dem Kurfürstentag zu Regensburg wehrten sie sich 1630 gegen die autokratischen Versuche Habsburgs, seine Macht auf Kosten des Rechts und der Fürstenfreiheit immer weiter auszudehnen. Selbst Maximilian I. von Bayern, der Anführer der katholischen Liga, stellte hier erstmals die Fürstensolidarität über das Prinzip des Konfessionalismus. Die Versammlung zwang Ferdinand, Wallenstein von seinem Oberbefehl abzuberufen.

3. Der Schwedische Krieg (1630 – 1635)

Aus ähnlichen Gründen, wie sie fünf Jahre zuvor Christian IV. zum Eingreifen veranlaßt hatten, stieg jetzt König Gustav II. Adolf von Schweden in den Krieg ein. Stellte schon die neue habsburgische Machtposition an der Ostsee einen unakzeptablen Zustand dar, so konnte Schweden es erst recht nicht hinnehmen, daß der Protestantismus in Deutschland vernichtet zu werden drohte. Am 4. Juli 1630 landete Gustav Adolf mit einer starken und hochgerüsteten Armee auf der pommerschen Insel Usedom. Er entsetzte das immer noch von tapfer den Kaiserlichen standhaltende Stralsund und marschierte auf das vor der katholischen Restituierung stehende Magdeburg, das von Tillys Ligaheer dennoch eingenommen und mit sinnloser Grausamkeit völlig zerstört wurde, ehe die Schweden es erreichten. Mit der siegreichen Schlacht bei Breitenfeld (17.9.1631) begann Gustav Adolf einen Triumphzug durch Deutschland, der ihn im Bewußtsein vieler Protestanten bis heute zu einer messianischen Heldengestalt gemacht hat. Das gesamte protestantische Deutschland versammelte sich unter seinen Fahnen zum Kampf um Glaubensfreiheit und Recht. Auch die lutherischen Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen, die bisher zum Kaiser gehalten hatten, wechselten jetzt die Seite. Von Brandenburg aus zog der Schwedenkönig nach Mainz, eroberte dann Augsburg und im Mai 1632 München; dem abgesetzten Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz war es vergönnt, beim Einmarsch in die Hauptstadt seines Feindes Maximilian dabeizusein.

In dieser Notlage des katholischen Lagers berief Ferdinand II. den entmachteten Wallenstein wieder zum Oberbefehlshaber der kaiserlichen Truppen und stattete ihn mit größeren Vollmachten aus als zuvor. Am 16. November 1632 begegneten sich die Heere Wallensteins und Gustav Adolfs in der Schlacht bei Lützen, in welcher der schwedische König den Tod fand. Doch auch für den kaiserlichen Generalissimus sollte Lützen die letzte Schlacht werden: Im Februar 1634 wurde er — offensichtlich im Auftrag des Kaisers, der befürchtete, Wallenstein könnte illoyal werden — im böhmischen Eger von einem bezahlten Mörder niedergestochen. Tilly war bereits im April 1632 in Bayern gefallen; damit waren die drei größten Feldherren von der Bühne des Dreißigjährigen Krieges abgetreten.

Schweden kämpfte unter der Leitung seines Reichskanzlers Axel Oxenstierna weiter. Die Niederlage der protestantischen Generäle Horn und Bernhard von Sachsen-Weimar bei Nördlingen (6.9.1634) führte aber zum Frieden von Prag, auf den sich der Kaiser 1635 mit den meisten protestantischen Ständen verständigte. An diesem Punkt hätte der Krieg eigentlich zu Ende sein können, denn die meisten strittigen Fragen hatte man ausgeräumt bzw. auf den Status quo von 1618 zurückgeführt: Entthronte Fürsten (außer Friedrich V. von der Pfalz) wurden wieder in ihre Rechte eingesetzt, das Restitutionsedikt aufgehoben, und das Land sollte von ausländischen Truppen gesäubert werden. Der Calvinismus wurde allerdings auch bei diesem Friedensschluß nicht als dritte Konfession zugelassen, was zur Folge hatte, daß einige Holland benachbarte und einige württembergische Gebiete sowie der Landgraf von Hessen-Kassel, seit Friedrichs V. Ächtung das Oberhaupt des deutschen Calvinismus, dem Frieden nicht beitraten.

4. Der schwedisch-französische Krieg (1635 – 1648)

Die Unversöhnlichkeit einiger calvinistischer Länder und die Anwesenheit der angeschlagenen, aber noch kampfbereiten schwedischen Truppen bildeten die Grundlage dafür, daß der Krieg fortgesetzt werden konnte. Aber den eigentlichen Anstoß dafür, daß es zu dieser möglichen Fortsetzung tatsächlich kam, gab Frankreich: Nachdem Kardinal Richelieu, der Leiter der französischen Politik, schon seit Jahren „verdeckt“ am Krieg teilgenommen hatte, indem es in Holland wie in Deutschland den Kampf gegen die Habsburger schürte, trat Frankreich nun offiziell in das europäische Kriegsgeschehen ein. Derselbe Katholiken-Kardinal, der 1629 in Frankreich die Hugenotten besiegt und auszurotten versucht hatte, verbündete sich nun mit dem calvinistischen Holland, den friedensunwilligen deutschen Fürsten und der schwedischen Kriegspartei und erklärte Spanien und dem katholischen Kaiser den Krieg. Das Eintreten für die ‘falsche’ konfessionelle Seite zeigt deutlich, daß es Frankreich nicht um Fragen der Religion, auch nicht um ideologische Unterstützung des niederländischen Freiheitskampfes, sondern einzig darum ging, die habsburgische Vormacht in Europa durch eine französische zu ersetzen. Indem Frankreich die Bühne des Krieges betrat, handelte es sich nur noch um einen reinen Machtkampf, bei dem der religiöse Streit allenfalls noch dazu diente, die Parteien in dem für Frankreich nützlichen Zerstörungswahn umso wirkungsvoller gegeneinander aufzuhetzen.

Folgerichtig wurde aus den letzten Kriegsjahren nicht nur die längste Phase, sondern es wurden auch die schlimmsten, dabei gleichzeitig die sinnlosesten Jahre des gesamten Krieges. Selbst als man sich 1641 in Hamburg endlich auf einen Friedenskongreß geeinigt hatte, sollte der Krieg noch weitere sieben Jahre dauern. In Schlachten und Heereszügen, die für das Ringen der Konfessionen keine Bedeutung mehr hatten, sondern die nur noch den Franzosen oder Schweden möglichst gute Ausgangspositionen für die Verhandlungen über eine Nachkriegsordnung verschaffen sollten, wurden durch Schüsse, Plünderungen, Brandstiftung, Seuchen, Vergewaltigung und Mord die meisten Schäden angerichtet. 1645 war es soweit, daß die Friedensverhandlungen beginnen konnten. Der Kaiser hatte alle Parteien und Reichsstände nach Westfalen eingeladen, doch auf einen gemeinsamen Verhandlungsort konnte man sich nicht einigen, deshalb residierten die Schweden und Dänen in Osnabrück, die Franzosen und alle übrigen Beteiligten in Münster. Nach dreijährigen Verhandlungen, während derer außerhalb der für neutral erklärten westfälischen Städte weiter gekämpft wurde, wurde — immer noch an getrennten Orten — der Westfälische Frieden unterschrieben.

Für Generationen, die nichts anderes als den Krieg erlebt hatten, brach eine Welt zusammen; andere konnten sich noch an die Vorzüge des Lebens im Frieden erinnern: „Nach dreißig Jahren war in Deutschland Friede geworden. In Prag übertönte der Schall der Kirchenglocken den letzten Kanonendonner, und längs des Mains flammten von den Uferhügeln Freudenfeuer zum nächtlichen Himmel empor, aber zu Olmütz in Mähren, wo das schwedische Heer seit acht Jahren lag, waren die bestürzten Soldaten in einer trübseligen Stimmung, und auf den Feldern vor der Stadt standen die Lagerweiber in verzweifelten Gruppen beisammen. »Ich wurde im Krieg geboren«, sagte eine, »ich habe kein Zuhause, kein Vaterland und keine Freunde, der Krieg ist meine ganze Habe, und wohin soll ich jetzt gehen?« Während die Olmütz verlassenden Troßwagen und Nachzügler in einer Kette von fast fünf Kilometern ihres Weges zogen, versammelten sich die überlebenden Bürger in ihrer seit langem ausgeraubten Kirche zu einem Dankgesang.“ (4)

 

V.

Nach dem Krieg

Das wichtigste und gleichzeitig bedrückendste Ergebnis des Krieges ist schon im ersten Teil dieser Abhandlung angesprochen worden: Daß es in Bezug auf die Bekenntnisfrage, die diesen Krieg ausgelöst hatte, kein entscheidend anderes Ergebnis gab, als daß man zu den grundlegenden Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens von 1555 zurückkehrte, diesmal unter Einschluß des Calvinismus. In beinahe einhundert Jahren und nach dreißigjährigem Schlachten war nichts Besseres erreicht worden, als konfessionelle Besitzstände gegenseitig anzuerkennen; mit Toleranz ist dieses Resultat nicht zu verwechseln, denn der Haß zwischen den Religionsgemeinschaften blieb auf der Ebene der Städte und der benachbarten Landschaften, ja selbst zwischen unmittelbar nebeneinander wohnenden Familien bestehen. Die ‘Anerkennung’ bedeutete nur, künftig keine großen Kriege mehr ausdrücklich um den Glauben zu führen, weil dieser Krieg — und das war wohl seine einzige positive Lehre — gezeigt hatte, daß Glaubenskriege als solche nicht zu gewinnen waren, sondern beide Seiten durch sie nur zur Beute anderer Interessen werden konnten. In den Kriegen, an denen Deutschland oder deutsche Länder nach 1648 beteiligt war, sollte es nicht mehr um konfessionelle Konstellationen gehen.

Der wirtschaftliche Schaden des Dreißigjährigen Krieges wirkte sich in vielen Gegenden bis weit ins 18. Jahrhundert aus. Er hing, abgesehen von den unmittelbarer Zerstörungen in der Landwirtschaft und an der Bausubstanz der Städte, vom niedergegangenen Handel und zerschlagenen Gesellschaftsstrukturen, vor allem mit den Verlusten an Menschenleben zusammen: Wie nach der großen Pest um 1350 gab es wieder Landschaften, die praktisch entvölkert waren, so daß der Wiederaufbau von den Überlebenden kaum zu bewerkstelligen war. In großen Teilen Schwabens, der Pfalz, Thüringens, Sachsens und Brandenburgs war die Bevölkerung zu mehr als zwei Dritteln ausgerottet. Böhmen, Bayern, Hessen und die übrigen Gebiete Brandenburgs und Sachsens verloren etwa die Hälfte ihrer Einwohner. Der Norden und Westen Deutschlands war mit Toten bis zu 33% der Bewohner relativ gering betroffen. Insgesamt, so ist errechnet worden, ging die Einwohnerschaft Deutschlands von 1618 bis 1648 von 21 Millionen auf rund 13 Millionen zurück (5), das entspricht einem Rückgang von etwa 40%.

Fast ebenso schlimm waren — wenn man bedenkt, daß der Krieg eigentlich als Bürgerkrieg begonnen hatte — die politischen und territorialen Folgen, denn sie stellten sich als außenpolitische Niederlage des Reiches insgesamt heraus: Die Bistümer Metz, Toul und Verdun mußten an Frankreich abgetreten werden, ebenso Teile des Elsaß’, das in der Folge ganz von der französischen Krone einverleibt wurde; Vorpommern mit Stettin und das ehemalige Erzbistum Bremen kamen unter schwedische Herrschaft. Die Schweiz und die Vereinigten [nördlichen] Niederlande verließen das Reich und wurden selbständige Staaten. Was die Schweiz betraf, so wurde nur ein Zustand staatsrechtlich bestätigt, der schon seit rund 150 Jahren faktisch bestanden hatte. Die Niederlande aber waren erst durch die Vererbung an die spanische Linie der Habsburger, im zweiten Schritt durch die rabiate Gegenreformation regelrecht aus dem Reichsverband herausgetrieben worden. Sie hatten sich im Kampf um religiöse Freiheit emanzipieren müssen, und paßten nun, da die Freiheit von Spanien in einem nach vorn um über sechzig Jahre verlängerten ‘Dreißigjährigen Krieg’ errungen war, auch nicht mehr in den deutschen Staatsverband hinein.

Besonders im Hinblick auf diese beiden ausgeschiedenen Länder, aber auch bezüglich der im Reich verbliebenen Fürstentümer kann man den Dreißigjährigen Krieg als einen Staatsbildungsprozeß ansehen. Gerade durch die Kriegswende von 1630, bei der sich — zunächst nur vorübergehend, seit 1635 aber endgültig — der Hauptaspekt des Krieges von der Konfessionsfrage auf das gesamteuropäische Kräfteverhältnis und die Zurückweisung des habsburgischen Staatsabsolutismus’ verschob, rückte das Moment fürstenstaatlicher Autonomie gegenüber dem Reich mehr und mehr in den Vordergrund. Der Westfälische Friede, der zum Grundgesetz für die letzten 150 Jahre der Reichsgeschichte wurde, besiegelte die schon während des Krieges sich abzeichnende außenpolitische Unabhängigkeit der deutschen Einzelstaaten und reduzierte die Macht des Kaisertums so sehr, daß kaum mehr als eine Repräsentationsfunktion davon übrigblieb. Damit war der unter Karl V. ins Auge gefaßte habsburgische Reichsabsolutismus endgültig gescheitert. Die Habsburger blieben eine bedeutende Macht, sogar auf europäischer Ebene, aber nicht in ihrer Eigenschaft als Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, sondern nurmehr als Herren von Großösterreich. Durch das Zurücktreten der kaiserlichen Reichsgewalt und die im Verlauf des Krieges durchgesetzten absolutistischen Tendenzen auf Ebene der Landesherrschaften war nun der Weg dafür frei, daß sich neben Österreich eine zweite Großmacht in Deutschland etablieren konnte: das Kurfürstentum Brandenburg-Preußen, welches bereits im Krieg unter dem „Großen Kurfürsten“ Friedrich Wilhelm seinen Aufstieg begann.

 

Beschwörung des Westfälischen Friedens in Münster, 1648
 
 

Anmerkungen

(1) einziger nichthabsburgischer Kaiser zwischen 1438 und 1806: Karl VII. von Wittelsbach (1742 – 1745)

(2) wessen Gebiet, dessen Religion

(3) Heinz Schilling, Aufbruch und Krise – Deutschland 1517 bis 1648, Berlin 1998

(4) C.V. Wedgwood, Der 30-jährige Krieg, München 8. Aufl. 1995, Seite 438

(5) diese Angaben nach Wedgwood, a.a.O. Seite 448

 

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